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mach was! - Januar 2021

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Fussball sieht von

Fussball sieht von hinten manchmal aus wie ein schnelles Schachspiel „mach was!“-Interview mit Martin Männel, Foto: Katja Lippmann-Wagner Torhüter des FC Erzgebirge Aue Er ist die Nummer 1, er ist Führungsspieler und Identifikationsfigur. Seit über zwölf Jahren hütet Martin Männel das Tor des FC Erzgebirge Aue. Die Redaktion von „mach was!“ traf ihn – wie es das Hygienekonzept aktuell vorschreibt: via Zoom – zum Gespräch über seine Körpergröße, Vorbilder und verführerische Angebote. ? Hallo Martin, wie bist du zum Fußball gekommen? Das war durch meine Familie vorprogrammiert: Mein Vater hat bei uns im Heimatort Fußball gespielt und auch meine Mutter hat hin und wieder gegen einen Ball getreten und war sehr sportlich. Auch alle meine Freunde haben gern Fußball gespielt, ob das in der Hofpause war oder nach der Schule. Da war es vorgezeichnet, dass es bei mir Fußball als sportliche Aktivität werden würde. ZUR PERSON Martin Männel wurde 1988 im brandenburgischen Hennigsdorf geboren, mit acht Jahren begann er mit dem Fußballspielen in seinem Heimatort Velten. Er besuchte die „Eliteschule des Sports“ in Cottbus und wurde im Jugendalter Spieler von Energie Cottbus. Einsätze in Juniorennationalmannschaften folgten. Zur Saison 2008/09 wechselte er zum FC Erzgebirge Aue, wo er bis heute spielt. Martin Männel ist mit der Journalistin und Unternehmerin Doreen Männel verheiratet, gemeinsam haben sie zwei Söhne. ? In meiner Kindheit war Torwart nicht der beliebteste Job. Es mussten immer die ins Tor, die am wenigsten gut kicken oder rennen konnten. Hast du dich von Anfang an ins Tor gestellt? Ich habe eigentlich auch lieber Tore geschossen. Ich war vielen Altersgenossen größenmäßig ein bisschen voraus und beim normalen Kicken wollten die anderen nicht, dass ich Torwart spiele. Deswegen habe ich mich oft zusätzlich zum Torwart auf die Linie gestellt – aber genauso dann auch vorn im Angriff noch versucht, die Buden zu machen. Auch im ersten Jahr im Verein habe ich im Sturm begonnen. Weil unser Torwart einen Asthma-Anfall hatte, musste ich hinten aushelfen – und das lief so gut, dass der Trainer entschieden hat, dass ich weiter im Tor stehe. ? Inzwischen bist du mit 1,84 Meter nicht mehr unbedingt der größte unter den Spielern – und für einen Torhüter eher klein. War das irgendwann ein Nachteil? Das machte sich schon in der Jugend bemerkbar, dass einige über mich hinauswachsen werden. Für meine Trainer und für mich war das immer Anlass, die Trainingsinhalte darauf auszurichten, die fehlende Körpergröße wettzumachen durch Sprungkraft, 34 durch Reaktionsfähigkeit, durch Handlungsschnelligkeit. Solche Sachen sind im Spiel dann auch entscheidender als vielleicht vier oder fünf zusätzliche Zentimeter. ? Wann hat sich abgezeichnet, dass du ein ganz guter Torhüter sein könntest und die Sportschule in Cottbus besuchen kannst? Das hat sich mit der Zeit ergeben. Wenn man in seinem Heimatort aufgefallen ist, wurde man in die Kreisauswahl berufen. Da durfte ich schon im älteren Jahrgang mittrainieren. Die verschiedenen Kreis-Auswahl-Mannschaften haben einmal im Jahr ein Turnier gespielt, da wurden hinterher dann Territorial-Auswahlen gebildet, wo ich immer noch dabei war, dann kam die Landesauswahl. Ein Schritt folgte dem anderen, ich habe es immer wieder geschafft, den Trainern aufzufallen – nicht nur, weil ich gut gehalten habe, sondern weil ich auch damals schon versucht habe, viel zu sprechen auf dem Platz. Das ist den Trainern vielleicht sogar am schnellsten aufgefallen: Dass ich versucht habe, die Mannschaft zu führen. Die Sichtung für die Sportschule war dann sehr komplex, das zog sich über mehrere Trainings. Es gab 400 Bewerber für 30 Plätze. Da wurde Schritt für Schritt ausgesiebt und ich habe es geschafft. Zum Start der siebten Klasse ging es los. ? Hast du damals gezweifelt, ob du wirklich schon aus dem Elternhaus ausziehen möchtest? Ich hing sehr an meinem Elternhaus und gerade zu dem Zeitpunkt war es ein bisschen schwer für mich und meinen Bruder, weil meine Eltern sich gerade scheiden ließen. Aber da war die Sportschule für mich vielleicht sogar ein bisschen ein Vorteil. Ich hatte auch nicht die Befürchtung, auf mich allein gestellt zu sein – mein Vater hat in drei Schichten gearbeitet, wir mussten also schon recht früh selbständig werden. Und im Gegenzug war die Sportschule mein unbedingter Wille. Schon das Gymnasium in meinem Heimatort war eigentlich keine Alternative... ? Also hattest du früh ganz klar das Ziel, im Profifußball zu landen? Ja, sonst hätte ich das nicht machen müssen. Aber natürlich: Es gab die 400 Leute, die sich um 30 Plätze gekloppt haben. In den sieben Jahren bis zum Abitur sind noch viele gekommen und wieder gegangen. Also: Das Ziel kann man sich fest vornehmen, aber dass man es schafft, ist sicher nicht vorprogrammiert. Foto: Georg Ulrich Dostmann

mach was ! TITELINTERVIEW ? Was wäre denn deine Alternative gewesen? Hattest du einen anderen Traumberuf? Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber nie so richtig Gedanken gemacht, musste ich auch nicht. Aber ich habe trotzdem immer viel Wert darauf gelegt, dass neben dem Fußball auch die Schule nicht zu kurz kommt. Darauf haben uns auch Trainer und Lehrer geeicht: Schulische Laufbahn und sportliche Laufbahn – das musste immer beides miteinander vereinbart werden. ? Parallel hast du dann schon bei Energie Cottbus mittrainiert… In den letzten zwei, drei Jahren vor dem Abitur wurde ich immer stärker einbezogen. Mit der 2. Mannschaft haben wir den Aufstieg geschafft, direkt nach dem Abi bin ich dann in die Profi-Mannschaft hochgekommen. Das war für mich als relativ jungen Spieler schon eine große Sache. ? Zu der Zeit waren Tomislav Piplica und Gerhard Tremmel Torhüter bei Energie. Waren die beiden Vorbilder? Als Kind hatte ich andere Vorbilder. Stefan Klos in Dortmund zum Beispiel. Oder Edwin van der Sar bei Juventus Turin. Das waren modern spielende Torhüter, die nicht nur auf der Linie geklebt haben. Aber dann im Profibereich den Tommi kennenzulernen, hat mir schon geholfen. Der war auch nicht der größte, hatte also ähnliche Voraussetzungen wie ich. Aber er war unheimlich fit, beweglich, auch im höheren Alter noch schnell – einfach einer der besten Torhüter, mit denen ich zusammen trainieren durfte. Das war für mich wegweisend zu sehen, was man alles für seinen Körper tun muss, um fit zu bleiben. ? Trotz Cottbuser Erstliga- Zugehörigkeit hast du dich ent - schieden, nach Aue in die zweite Liga zu wechseln. Wie kam das? Wir hatten mit Cottbus die Klasse gehalten. Ich hatte aber keine Einsätze und der Trainer hat mir zu verstehen gegeben, dass meine Einsatzchancen auch in der nächsten Saison nicht sehr groß sein werden. Er hatte wohl auch Vorbehalte wegen mei- ner Körpergröße. Die Einschätzung habe ich fachlich nicht geteilt, aber man muss sagen: Er war ehrlich zu mir – und dadurch sind andere Türen aufgegangen, für die ich mich dann entscheiden durfte. ? Inzwischen bist du seit über zwölf Jahren in Aue, es ist erst dein dritter Verein. Würdest du dich auch insgesamt als treuen Typen bezeichnen? Das würde ich schon sagen. Man muss mit dem Begriff Treue im Fußball vorsichtig sein, das ist schnell behauptet. Aber wenn man wie ich 12 ½ Jahre im Verein ist, kann man das sicher sagen. Das hat sich über die Jahre entwickelt: Der Verein ist ein Stück weit gewachsen, ich bin ein Stück weit gewachsen. Inzwischen ist es eine gewisse Symbiose. ? Gab es nie die Versuchung, sich einem Erstligisten als Ersatztorhüter anzuschließen, auch auf die Gefahr hin, sich auf die Bank zu setzen? Manchmal kommt man so ganz unverhofft zu Bundesliga- oder Europapokal- Einsätzen … Sicherlich will man als Profi möglichst weit oben spielen, in der Bundesliga, in Europa. Und es gab zwischendurch auch mal lose Gespräche. Aber für mich war wichtig: Wenn ich mich verändere, dann muss das auch Perspektive haben. Irgendwohin zu wechseln, um mich auf die Bank zu setzen, das wäre nichts für mich. Ich wäre schnell sehr unzufrieden. Ich brauche es für mich, jede Woche auf dem Platz zu stehen. Ich möchte es selbst in der Hand haben, ich möchte das Spiel beeinflussen können. Ich habe – sei es wegen Verletzungen, sei es, weil der Trainer es so entschieden hat – ein paar Mal erleben müssen, wie es ist, nicht eingreifen zu können. Das ist kein schönes Gefühl. Jetzt mit meinen 32 Jahren wäre es sicher vermessen, den Traum von der Bundesliga oder vom internationalen Fußball noch zu träumen. Ich habe durch den Fußball sehr viele Stadien in Deutschland kostenlos erleben dürfen. Ich habe bis jetzt ein sehr gutes Leben führen dürfen durch den Fußball. Das weiß ich sehr zu schätzen. Foto: Georg Ulrich Dostmann ? Du bist mit Aue abgestiegen, ihr seid aufgestiegen, ihr wart mal „Herbstmeister“, gerade läuft es auch ganz gut. Wie unterscheiden sich solche Jahre im Alltag? Man führt im Umfeld viel mehr Gespräche, wenn es gut läuft. Und wenn es mal nicht so gut läuft, kann die Stimmung bei solchen Gesprächen auch mal heftig werden. In der täglichen Trainingsarbeit unterscheidet es sich hingegen weniger. Da muss der Trainer mit der Mannschaft einen konstanten Weg finden. Damit man nicht zwei Schritte weniger macht, wenn es gut läuft, oder es richtig anruckt, wenn es mal schlecht geht. Wenn alle im Training konstante Leistung bringen, dann kann man die auch am Wochenende abrufen. Das hat man auch gemerkt, als wir abgestiegen sind: Wir hatten eigentlich eine gute Truppe zusammen, waren auch nicht weit abgeschlagen. Der Abstieg hat gezeigt, wie eng es in der Zweiten Liga zugeht, dass Kleinigkeiten Spiele und die ganze Saison entscheiden. Deshalb muss man Woche für Woche dafür arbeiten, dass man das eigene Glück im Spiel – oder das Pech beim Gegner – erzwingen kann. Foto: Georg Ulrich Dostmann ? Wie lebt man das? Wie geht man mit dem permanenten Leistungsanspruch um? Jeder Spieler muss seinen eigenen Weg finden, um am Wochenende vor Zuschauern die eigene Leistung auszuschöpfen. Ich zum Beispiel versuche, mir vor jedem Spiel meinen eigenen Tunnel zu schaffen. Ich habe da meine Abläufe, mich aufzuwärmen, mich richtig zu konzentrieren. In der Situation bin ich kaum ansprechbar für andere Spieler, die vielleicht nochmal kurz quatschen wollen. Für mich ist das wichtig, um mich gut zu fühlen. Das überträgt sich dann auch aufs Spiel. ? Merkst du manchmal schon am Morgen: Heute wird ein Schrotttag? Es gab schon Tage, da habe ich morgens gedacht, ich fühle mich richtig gut – und dann wurde es ein Mistspiel. Und als mein zweiter Sohn geboren wurde und manche Nächte sehr kurz waren, habe ich mich manchmal gefragt, wie soll das denn heute gehen – und dann lief es sehr gut. Das lässt sich nicht immer erklären. Zum Glück hängt es aber auch nicht nur von einem einzelnen ab. Selbst, wenn man sich mal morgens 35 Fortsetzung auf Seite 36