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mach was! - September 2020

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mach was ! TITELINTERVIEW Mai Duong Kieu wuchs in Chemnitz auf und wurde auf MySpace fürs Fernsehen entdeckt Ja, es gibt noch Disney-Geschichten Mai Duong Kieu ist eines der aufregendsten jungen Gesichter im deutschen Fernsehen. Zwei Staffeln gibt es inzwischen von der hochgelobten Serie „Bad Banks“, die das Gebaren der Finanz- und Bankenwelt beleuchtet. Darin füllt die Schauspielerin als Thao Hoang eine der vielschichtigsten Rollen aus. In der mdr-Serie „In aller Freundschaft“ stieg Mai Duong Kieu als erste Ärztin nichtdeutscher Herkunft ins Team ein. Michael Chlebusch hat für „mach was!“ die Darstellerin, die in Chemnitz aufgewachsen ist und inzwischen in Leipzig wohnt, getroffen, um mit ihr bei vietnamesischem Ingwertee über ihre Zeit in Chemnitz, den Weg zum Schauspiel und die vergangenen Wochen und Monate während der Corona- Krise zu sprechen. ? Mai, du bist in Chemnitz aufgewachsen. Wann war das? Wir sind im Herbst 1992 nach Deutschland gekommen und 2004 nach Leipzig gezogen. Ich habe also meine ganze Kindheit in Chemnitz verbracht. Als ich siebzehn war, mitten im Schuljahr, sind wir nach Leipzig umgezogen. Grund In die Rolle der Thao in „Bad Banks“ konnte Mai Duong Kieu ihre Kung-Fu-Erfahrung einbringen. war, dass mein Vater in Chemnitz eine Kung-Fu-Schule hatte und expandieren wollte. ? Fiel es dir schwer, dich in einem anderen Land zurechtzufinden? Als Kind siehst du das nicht so schwer oder bitter. Ich war fünfeinhalb Jahre alt, als wir nach Deutschland kamen – und in dem Alter wird alles noch sehr spielerisch gelernt. Meine Mutter hatte sich bereits vorher informiert. Meine Tante, die schon in Deutschland war, hatte ihr beispielsweise Kassetten mit ein paar sprachlichen Grundlagen aufgenommen. Ich war erst im Kindergarten und als ich mit siebeneinhalb in die Schule gekommen bin, war ich schon ganz gut in Deutsch. Das geht schnell und was ich noch nicht kannte, habe ich dann aus dem Kontext, der Mimik und Gestik, verstanden. Das hat meine Sinne geschärft. Wenn man eine Sprache nicht kann, schaut man nach anderen Signalen. Das ist auch zu meinem Wesen geworden. Ich bin eine Beobachterin. ? Durch die ehemaligen Vertragsarbeiter der DDR fandet Ihr wahrscheinlich auch eine vietnamesische Community in Chemnitz… Mein Vater war ein großer Teil davon. Es gab am Wochenende Essen mit den vietnamesischen Freunden und am nächsten Tag mit den deutschen Freunden, die dazu kamen. Das war eine schöne Mischung. Wir hatten viele positive Erfahrungen mit unseren Kung-Fu-Schülern, die dann auch unsere Freunde geworden sind. Es gab auch eine gute Zusammenarbeit zwischen der vietnamesischen Community und der Stadt. Der Bürgermeister kam immer zu unserem Herbstfest Trung Thu. Es waren auch viele deutsche Kinder dabei. Das fand ich ein schönes Beispiel für Integration, bei der wir unsere Wurzeln nicht verlieren. Integration heißt für mich nicht, dass man die Kultur der anderen übernimmt, sondern dass das Miteinander friedlich und engagiert stattfindet. ? War das Miteinander in Chemnitz denn immer so friedlich? Ich war meist die einzige Vietnamesin in der Klasse. Natürlich gab es da Anfeindungen und natürlich wurde ich jede Woche beschimpft. Diese Leute sind heute so alt wie wir, vielleicht lesen sie ja gerade dieses Interview und denken dadurch darüber nach. Als Kind entwickelst du Strategien, damit umzugehen. Ich hab immer das Gute im Menschen gesehen und bin zu meinen Freunden gegangen. Die standen dann auch für mich ein. So fühlt man sich aufgefangen – vielleicht hatte ich da Glück. ? Du hast von Kindesbeinen an auch selbst Kung Fu gelernt? Kampfsport ist alles, das mich ausmacht. In einer buddhistisch geprägten Gesellschaft stolpert irgendwann jeder über Kung Fu und entweder macht man es oder nicht. Ich habe schon mit zehn als Trainerin Gruppen geleitet, Kinder und auch Erwachsene. Da hab ich sehr früh gelernt, mit Verantwortung umzugehen. ? Und bist du noch aktiv? Ich musste das erstmal zurückstellen. Ich glaube, wenn ich in etwas gut sein will, muss ich mich entscheiden. Die Schauspielkarriere aufzubauen, braucht jetzt meinen Fokus. Und ich wollte aus den Fußstapfen meines Vaters treten, sonst wird man nicht richtig erwachsen. ? Hat dein Vater das bedauert? Ich denke schon, aber er hat auch verstanden, dass es ein nötiger Schritt war. Er hat ja auch mit der Kung-Fu-Schule in Deutschland etwas anderes gewählt, als seine Eltern von ihm erwartet haben. Das hat er aus Herzblut gemacht – und das was ich mache, mache ich auch aus Leidenschaft. Ich denke, mittlerweile ist er auch sehr stolz auf mich. Doch mir steht die Tür immer offen, ich habe also einen Plan B. Das Wissen, was ich mir in den letzten 30 Jahren angeeignet habe, bleibt mir. ? In deiner Rolle als Thao Hoang in „Bad Banks“ sieht man dich allerdings kein Kung Fu kämpfen. 28

mach was ! TITELINTERVIEW Seit diesem Jahr gehört die Schauspielerin zum Ärzte-Team der Serie „In aller Freundschaft“. Ein bisschen haben wir die Körperlichkeit zum Beispiel in den Übergriff in der Studi-WG einfließen lassen, aber das ist eine andere Nuance. Damit bin ich voll zufrieden. Ich fände schlimm, wenn ich engagiert werde und jemand sagt: Hey, die kann ja Kung Fu, da können wir was einbauen – was im schlimmsten Fall dann überhaupt nicht zur Rolle passt oder unnötig ist. Für mich funktioniert die Figur in „Bad Banks“ komplett, sie ist super interessant. Da konnte ich viel einfließen lassen, auch bei den Dialogen ein bisschen mitarbeiten und aus persönlichen Erlebnissen schöpfen. ? Der Dreh für die zweite „Bad Banks“-Staffel ist mehr als ein Jahr her, was sehen wir von dir als nächstes? Ich bin jetzt in der Rolle einer Neurochirurgin fest im Ensemble von „In aller Freundschaft“. Außerdem läuft die Arbeit an einer Amazon-Serie, in der ich die Hauptrolle spielen soll. Ob das was wird, entscheidet sich wohl bald. Eine Vietnamesin in der Hauptrolle einer deutschen Serie, das wäre schon sehr fortschrittlich. Und außerdem habe ich im Sommer einen „Tatort Münster“ gedreht. Ich freue mich auf die Ausstrahlung und bin gespannt wie die Folge ankommen wird. ? Ist die Arbeit an „Bad Banks“ und bei „In aller Freundschaft“ ein großer Kontrast? Ich sehe Schauspiel eher als Handwerk als als Kunst. Das Pensum ist bei „In aller Freundschaft“ gar nicht mal so klein – jede Woche eine Folge – und man muss sehr gut vorbereitet sein, auf den Punkt funktionieren. Das verbindet alle Produktionen: Zeit ist Geld. ? Wie ist das für dich, Teil des Ensembles einer so regelmäßigen Produktion wie „In aller Freundschaft“ zu sein? Bekommt man eine andere Beziehung zum Team und zum Stoff, als wenn man für ein paar Monate oder nur Wochen in einem Projekt steckt? Vielleicht ein bisschen mehr wie jeden Morgen zur Schicht in den Betrieb zu gehen? Tatsächlich genieße ich es momentan sehr, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Das Team ist wirklich sehr eingespielt, das erleichtert enorm den Einstieg in so ein Format. Auch wenn ich jetzt schon fast ein Jahr bei „In aller Freundschaft“ drehe, habe ich nicht das Gefühl, dass sich eine Routine eingestellt hat. Durch die zahlreichen Handlungsstränge sind unsere Drehtage über das Jahr schön verteilt, sodass ich auch andere Filmprojekte realisieren kann. Bestimmt werde ich in Zukunft an einen Punkt gelangen, an dem ich behaupten kann: „Morgen hab ich wieder Schicht bei ‚In aller Freundschaft‘.“ Aber bis dahin habe ich noch viel zu lernen. Sowohl vom Beruf der (Serien-)Schauspielerin selbst als auch von jeder anderen Abteilung. 29 Fortsetzung auf Seite 30 ZUR PERSON Mai Duong Kieu als disziplinierte Bankerin im Serienhit „Bad Banks“. Mai Duong Kieu wurde 1987 in Bac Ninh, Vietnam, geboren. 1992 zog sie mit ihrer Mutter nach Chemnitz, wo ihr Vater bereits lebte. Hier übernahm sie als 13-Jährige eine erste kleine Theaterrolle am Städtischen Theater Chemnitz. Nach dem Abitur studierte sie zunächst Sprachwissenschaften. Über MySpace wurde sie fürs Schauspiel entdeckt und übernahm zunächst Theaterrollen. Schauspielunterricht nahm sie in Leipzig und Nizza. Seit 2014 ist sie regelmäßig im Kino und im Fernsehen zu sehen. Mai Duong Kieu auf Insta: @maiduongkieu