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REHA-Kompass | März 2019

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AUSZEIT MT KIND DIE

AUSZEIT MT KIND DIE MUTTER-/ VATER-KIND-KUR VIELE ELTERN KOMMEN MIT DOPPELBELASTUNG UND LEISTUNGS- DRUCK NICHT MEHR ZURECHT. ZUNEHMEND TRIFFT ES AUCH VÄTER. DREI WOCHEN KUR KÖNNEN HELFEN. Foto: Georg Ulrich Dostmann Hausbau kann auch leicht sein und Spaß machen – zumindest, wenn man es mit Legosteinen macht. Joachim Richter aus Netzschkau hat sein realer Hausbau neben der Arbeit und den Kindern so gestresst, dass er eine Kur brauchte. Er genießt hier im Gesundheitszentrum Grünhain-Beierfeld die Auszeit gemeinsam mit seinem ältesten Sohn. VON STEPHANIE WESELY Joachim Richter aus Netzschkau im Vogtland hatte immer wieder Schwindelanfälle. „Mir ging es so schlecht, dass ich sogar arbeitsunfähig geschrieben wurde“, sagt der 34-Jährige. Die Ursache war Stress – im Beruf als Projektmanager und privat beim Hausbau. „Als Familienvater ist man ja heute nicht mehr nur der Geldverdiener. Auch meine Frau ist so wie ich voll berufstätig. Da müssen wir uns in die Erziehung unserer beiden Söhne und in die Hausarbeit teilen“, sagt er. Doch am Abend fehle dazu oft die Kraft. „Die Kinder sind müde, man selbst ist ungeduldig. Das ist nicht einfach.“ Auch Richters älterer Sohn zeigte Stresssymptome. Nachts knirschte er mit den Zähnen. „Da verarbeitet er seinen Tag“, sagt der 12 REHA KOMPASS

Vater. Von der Möglichkeit einer Vater-Kind- Kur hat er durch einen Kollegen erfahren. Doch die Suche nach Angeboten war schwierig. Denn es gibt zwar ein Müttergenesungswerk, aber kein Vatergenesungswerk. In der Arbeiterwohlfahrt fand er schließlich einen Ansprechpartner. „Ich habe mich für das Gesundheitszentrum in Grünhain-Beierfeld entschieden, weil es in der Nähe liegt. Meine Frau und unser Jüngster konnten mich damit leichter besuchen“, sagt Richter. Sein ältester Sohn fuhr mit zur Kur. DIE KLINIK: Der Stuhlkreis im Kurgarten ist ein Blickfang im AWO-Gesundheitszentrum im erzgebirgischen Grünhain-Beierfeld. Ein schönes Ambiente für Gespräche und Entspannung. Nebenan erwärmen sich Männer und Frauen fürs Nordic Walking. Es wird gelacht, die Stimmung ist gut. Mutter-/Vater-Kind-Kuren gelten als Vorsorgemaßnahme. Seit 2007 sind sie Pflichtleistung der Kassen. Deutschlandweit gibt es 133 Kurkliniken. Mehr als die Hälfte gehört dem Müttergenesungswerk an, ist aber nicht nur Müttern vorbehalten. Die meisten Kliniken gibt es in Niedersachsen, Schleswig- Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern – in Ländern mit Bergen oder Meer. Diesen Standortvorteil haben die zwei sächsischen Einrichtungen nicht. „Deshalb müssen wir mit Qualität punkten“, sagt Barbara Jähn, systemische Familientherapeutin im Gesundheitszentrum. DIE DIAGNOSEN: Mütter und Väter sind heute Doppel- und Mehrfachbelastungen ausgesetzt, denn sie sind meist berufstätig oder haben nebenher noch Angehörige zu pflegen. Wird die Eltern-Kind-Beziehung zusätzlich durch Krankheiten oder Auffälligkeiten der Kinder erschwert, geraten Familien schnell an ihre Grenzen. Damit daraus keine ernsthaften psychischen oder körperlichen Erkrankungen werden, gibt es Mutter-/ Vater-Kind-Angebote. „Die Chance auf Genehmigung einer solchen Kur haben Mütter und Väter mit psychosomatischen Erschöpfungszuständen, Übergewicht oder Kopfschmerz. Auch wenn sie unter einer schwierigen oder angespannten Beziehung zum Kind leiden, eine Lebenskrise oder Trauersituation bewältigen müssen“, sagt Barbara Jähn. Erschöpfungssymptome zeigten sich selbst bei den Kindern. Manche leiden unter Verhaltensauffälligkeiten oder Nervosität und Schlafstörungen. Übergewicht sei auch bei den Jüngsten ein Thema. Deutschlandweit wurden letztes Jahr fast 150.000 Mutter-/Vater-Kind-Kuren genehmigt, jedoch auch 24.000 Anträge abgelehnt, sagt Claudia Widmaier, Sprecherin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung, der auch für die Qualitätskontrolle zuständig ist. „Die Ablehnungen erfolgten meist aus medizinischen Gründen“, sagt sie. Petra Gerstkamp, stellvertretende Vorsitzende des Müttergenesungswerkes, kritisiert die Ablehnungspraxis der Krankenkassen: „Oft werden den Müttern oder Vätern ambulante Maßnahmen empfohlen, obwohl ihnen eine stationäre Reha gesetzlich zusteht.“ Gerade ein Ortswechsel und etwas Zeit, die Eltern-Kind-Beziehung wieder zu festigen, seien in diesen Fällen wichtig. Legten die Antragsteller dann Widerspruch ein, würde in 65 Prozent der Fälle die Kur dann doch genehmigt. „Warum dann dieser zusätzliche Stress?“, fragt sie. DIE PATIENTEN: Als 1950 das Müttergenesungswerk gegründet wurde, hatte in der Regel die Frau die Verantwortung für Haushalt, Kindererziehung und Pflege kranker Angehöriger. Für sie wurde die Mutter-Kind-Kur ins Leben gerufen. „Die klassischen Mütter- und Väterrollen von früher gibt es heute nicht mehr. Die Väter REHA KOMPASS 13