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REHA-Kompass | März 2019

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» ICH BIN DER ENKELSOHN-TYP « REHA-ALLTAG – THOMAS KLINKE IST PHYSIOTHERAPEUT IN DER GERIATRIE IN RADEBURG. DIE SZ HAT IHN EINEN TAG BEGLEITET UND MIT IHM ÜBER PERSONALNOT UND ERFÜLLUNG BEI DER PFLEGE GESPROCHEN. Schwerer als es aussieht. Die Gummiringe müssen von einem Ständer an den Arm des Therapeuten gefädelt werden. Anhocken und fest gegen meine Hand drücken. Fotos (3): Ronald Bonß Die 90-jährige Annemarie Wittig kommt immer besser im Alltag zurecht. Das Treppentraining mit Physiotherapeut Thomas Klinke ist anstrengend, aber wichtig. VON STEPHANIE WESELY Mit alten Menschen zu arbeiten, schreckt Thomas Klinke nicht. Hat er doch bereits seinen Großvater gepflegt. Punkt 8 Uhr tritt er seinen Dienst in der Fachklinik für Geriatrie in Radeburg an. Der Tag beginnt mit der morgendlichen Teambesprechung auf Station. Eine Kollegin ist krank. Ihre Patienten werden auf die anderen aufgeteilt. „Wir sind hier elf Physiotherapeuten – vier Männer und sieben Frauen“, sagt Klinke. Zum therapeutischen Team gehören neben Ärzten und Pflegepersonal auch Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen, Masseure und eine Musiktherapeutin. Die Shirts der Physiotherapeuten sind blau, die der Ergotherapeuten lindgrün, das Pflege- 36 REHA KOMPASS

personal und die Ärzte gehen in Weiß. Auch die Stationen haben unterschiedliche Farben. Das erleichtert den meist hochbetagten Patienten die Orientierung. „In der Geriatrie ist die Einweisungsdiagnose oft nicht das Hauptproblem. Unsere Patienten haben meist fünf und mehr Erkrankungen. Darauf müssen wir uns einstellen“, sagt Physiotherapeut Thomas Klinke. In der Reha sind sie meist aufgrund von operativ versorgten Knochenbrüchen, die sie sich durch Stürze zugezogen haben. Die Klinik in Radeburg ist die erste berufliche Station für den 34-Jährigen Dresdner. „In der Geriatrie muss man auch mal schwere Patienten heben und stützen können. Junge Männer sind da immer willkommen. Deshalb wurde ich auch gleich genommen.“ 8.30 Uhr holt Physiotherapeut Klinke seine erste Patientin aus ihrem Zimmer ab. Heidi Richter * aus Dresden ist seit einer Woche in der Reha. Nach einem Oberschenkelhalsbruch bekam sie eine künstliche Hüfte. „Der Bruch hätte nicht passieren dürfen“, sagt sie. „Ich pflege doch meinen Mann, und jetzt muss er wegen mir ins Heim.“ Der 84-Jährigen stehen die Tränen in den Augen. Allerdings hat sie die Pflege offenbar überfordert, das wird ihr jetzt klar. „Meine Wohnung wird saniert, sie ist sowieso jetzt zu groß für mich. Wahrscheinlich muss ich ausziehen.“ Sorgen wie diese hört Thomas Klinke fast täglich in seiner Behandlung. Sein Zuspruch tut gut. Ehe er mit seiner Behandlung beginnen kann, muss die Patientin auf die Toilette. „Das ist ganz oft so. Viele unserer alten Menschen sind auch inkontinent. Wenn sie sagen, dass sie müssen, ist es manchmal schon zu spät“, sagt er. „Aber das stört mich nicht. Da wird die Kleidung schnell gewechselt, und weiter geht’s.“ Die inneren Verletzungen nach der OP machen Heidi Richter Probleme. Das Bein ist noch geschwollen, und die entstauende Massage schmerzt. Auch beim Druck auf die Triggerpunkte zieht sie die Luft durch die Zähne. Doch danach fühlt sie sich besser. Die Schmerzen haben nachgelassen. „Sie sind ein Engel“, sagt sie dankbar. Thomas Klinke arbeitet jetzt seit 13 Jahren in der Reha- Klinik und hat diesen Schritt noch nicht bereut, wie er sagt. „Ich empfinde eine große Erfüllung bei meiner Arbeit“, sagt er. In einer Rehaklinik müsse sich der Therapeut keine Sorgen darüber machen, welche Behandlungsmethode er auswählt und ob diese auch die Kasse übernimmt. Was gut ist für den Patienten, könne er nutzen. „Auch wenn ich statt den vorgesehenen 30 Minuten mal 45 brauche, ist das kein Problem. Das ist der Unterschied zur ambulanten Praxis.“ Physiotherapeuten und Masseure bilden nach dem Pflegepersonal die größte Berufsgruppe des nichtärztlichen Personals in deutschen Rehakliniken. Laut Statistischem Bundesamt sind mehr als 28.000 Pflegekräfte und über 15.000 Phy sio - therapeuten für die stationäre Behandlung der Reha-Patienten verantwortlich. Mit Patient Rudi Seibold * redet Thomas Klinke über Dynamo. Der 72-Jährige konnte aufgrund seiner vielen anderen Erkrankungen nicht an der Hüfte operiert werden. Heute entscheidet der Arzt, ob die Belastung in der Therapie erhöht werden kann. Die Behandlungen dienen der Mobilisation und dem Erhalt seiner Selbstständigkeit. Seibold hat einen derben Humor. Kraftausdrücke sind da keine Seltenheit. Thomas Klinke kann sich darauf einstellen. Danach muss er aber sofort wieder die Gefühle wechseln. Denn Patientin Elisabeth Naumann * muss mit den sprichwörtlichen Samthandschuhen angefasst werden. Der operierte Schenkelhalsbruch der 89-Jährigen ist nicht das Hauptproblem. Sie leidet an Angstzuständen und braucht gerontopsychiatrische Behandlung. „Mir geht es gar nicht gut, ich habe so Angst, ich kann nicht mehr“, wiederholt sie gebetsmühlenartig. „Ist mein Geld noch in der Schublade, und habe ich noch Schokolade?“, will sie wissen. Thomas Klinke bestätigt alles und möchte, REHA KOMPASS 37