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REHA-Kompass | März 2019

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dass sie mal aufsteht

dass sie mal aufsteht und ein paar Schritte am Gehbänkchen läuft. Doch sie ist in Tränen aufgelöst, sie könne das nicht und möchte zuerst mit ihrer Tochter telefonieren. So lässt er sich von einer Schwester die Nummer der Tochter geben, ruft sie an und reicht das Telefon weiter. Glücklich spricht Elisabeth Naumann mit ihr über die Gaststätte, die die Tochter jetzt führt. Bis vor ihrem Sturz hatte die Mutter noch mitgeholfen, Gemüse geputzt und Tische gedeckt. Physiotherapeutisch ist bei ihr heute nicht viel vorwärtsgegangen. „Aber manchmal ist Zuhören und Trösten einfach wichtiger“, sagt Thomas Klinke. Diese Vielseitigkeit ist es auch, die Klinke an seiner Arbeit schätzt. Der Mangel an Therapeuten in seinem Fachgebiet sorgt ihn deshalb sehr. „Aus meiner Sicht müsste das Schulgeld bundesweit abgeschafft und eine Ausbildungsvergütung gezahlt werden. Er selbst zahlte 55 Euro monatlich für die Ausbildung, hinzu kamen Fahrgeld und Unterkunftskosten bei Praktika, wofür er keinen Cent erhielt. „Der Beruf muss attraktiver werden, sonst stirbt er eines Tages aus.“ Die Arbeit sei so anspruchsvoll, dass man nicht mit Mindestlohn abgespeist werden dürfe. In Kliniken würde zwar besser bezahlt als in ambulanten Praxen. Doch eine Aufwertung sei auch hier dringend nötig. Dafür macht er sich zum Beispiel im Betriebsrat stark. Bis zur Mittagspause sind noch drei weitere Patienten dran. Die Verzögerung zu Beginn des Arbeitstages lässt sich nicht mehr aufholen. Thomas Klinkes Mittagspause fällt entsprechend kürzer aus. Denn bevor die Patienten für den Nachmittag an die Reihe kommen, ist noch der Schreibkram dran. Wöchentlich ist Reha-Visite, die muss er heute vorbereiten. Gangbild, Bewegungsfortschritt, Wegstrecke und andere Parameter gilt es zu erfassen, das Therapieziel zu definieren und einzuschätzen, ob eine Verlängerungswoche nötig ist. „Der Schreibaufwand hat sich im Vergleich zum Beginn meiner Tätigkeit verzehnfacht. Die Dokumentation ist zwar wichtig, aber es ist leider auch wertvolle Therapiezeit, die da verloren geht“, bedauert Thomas Klinke. Gegen 16 Uhr ist seine letzte Patientin dran. Annemarie Wittig ist schon 90 und fast vier Wochen in der Reha – auch wegen eines Oberschenkelhalsbruchs. Nun kann sie bald nach Hause. Das Treppensteigen geht schon sehr gut. Auch die Koordinationsübungen. Sie soll Gummiringe von einem Ständer nehmen und abwechselnd, mal mit links, mal mit rechts an Thomas Klinkes Arm hängen, dabei frei stehen und das Gleichgewicht halten. Sie lächelt ihn an und gibt sich extra Mühe, damit er mit ihr zufrieden ist. „Ich bin der Enkelsohntyp, ich weiß, da hat man es bei den älteren Damen besonders leicht“, sagt Thomas Klinke. Das mag vielleicht stimmen, doch dass er seine Arbeit mit Liebe tut, sieht ihm jeder an. „Qualität ist uns sehr wichtig, unser fachlich hochqualifiziertes Personal ist unser größtes Gut“, sagt auch Claudia Fischer, die Therapieleiterin. „Unser Haus ist in eher ländlicher Gegend gelegen und hat bei der räumlichen Ausstattung vielleicht nicht ganz so viel zu bieten wie andere Einrichtungen. Gerade deshalb müssen wir mit der Patientenversorgung punkten.“ In der letzten halben Stunde seiner Dienstzeit kümmert sich Thomas Klinke um Hilfsmittelempfehlungen. Rollatoren, Gehgestelle, spezielle Gehstöcke oder Orthesen müssen für Patienten verordnet werden, die bald nach Hause können. Geduldig berät er die Patienten und ihre Angehörigen, erklärt die Funktion und beantwortet Fragen. „Die Leute müssen später ja auch damit zurechtkommen“, sagt er. Endlich ist Feierabend, und Thomas Klinke freut sich auf seinen Fußballverein. Er spielt beim TuS Weinböhla und trainiert zusätzlich noch eine Mannschaft: „Ein guter Ausgleich zu meinen alten Leutchen in der Reha.“ * Name geändert 38 REHA KOMPASS

REHA KOMPASS 39