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REHA-Kompass | März 2019

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GELÄHMT VOR ANGST DIE

GELÄHMT VOR ANGST DIE PSYCHOSOMATISCHE REHA – SCHON JUNGE MENSCHEN LEIDEN AN DEPRESSION UND ÜBERFORDERUNG. IN CHEMNITZ WERDEN SIE NACH EINEM OFFENEN KONZEPT BEHANDELT. Fotos (2): Ronald Bonß Der Blick ins Grüne beruhigt. Sandy ist so oft es geht an diesem Teich im Kurpark der Rehaklinik Carolabad in Chemnitz. VON STEPHANIE WESELY Sandy aus Burgstädt plagten immer wieder Panikattacken. Sie ergriffen so sehr Besitz von der jungen Mutter, dass sie ihren Beruf und ihren Alltag kaum noch meistern konnte. „Im Mai kam der Tiefpunkt. Ich war zeitweise gelähmt, konnte mich nicht bewegen, kaum sprechen“, sagt sie. Vier Ärzte hatte sie aufgesucht, keiner fand organische Ursachen. Heute weiß die 37-Jährige, dass diese Anzeichen zu ihrer Angsterkrankung gehören. Sie fürchtet sich extrem vor Krankheit, auch leichte körperliche Symptome verursachen zum Teil Todesängste. Hinzu kommt eine ausgeprägte Höhenangst. Diesen Ängsten will sie sich jetzt in der Reha stellen. Die Klinik Carolabad Chemnitz ist eine gute Adresse dafür. Inmitten von Feldern, am Rande des Rabensteiner Waldes, kann die Seele zur Ruhe kommen. Seit mehr als 40 Jahren werden hier psychosomatische Beschwerden behandelt. „Verschlossene Türen, wie es manche Patienten aus ihrer vorherigen Akutbehandlung kennen, gibt es bei uns mit Ausnahme der Nachtstunden nicht“, sagt Chefärztin Dr. Johanna Kunze. „Wir sind ein offenes Haus ohne das klassische Konzept einzelner Stationen.“ Das ist schon beim Betreten der lichtdurchfluteten Eingangshalle spürbar. In den vielen Sitzecken treffen sich Besucher und Patienten, schwatzen oder trinken Kaffee. Eine Gruppe Frauen in Bademänteln kommt aus dem Bad. Aus der benachbarten Sporthalle klingt Musik. 52 REHA KOMPASS

DIE DIAGNOSEN: Der Bedarf an psychosomatischer Rehabilitation steigt ständig. Nutzten sie 2005 in Sachsen knapp 8.400 Patienten, hat sich die Zahl aktuell auf rund 14.000 fast verdoppelt. Damit ist die Psyche nach der Orthopädie die zweithäufigste Indikation für eine stationäre Reha. Zehn Rehakliniken mit psychosomatischem Schwerpunkt gibt es derzeit in Sachsen. Bundesweit wurden 2016 fast 260 000 Patienten in der stationären Reha behandelt. Die Hälfte leidet an Depressionen, Burnout und Angststörungen. Eine große Gruppe sind auch die bipolar Erkrankten – bei ihnen wechseln sich depressive und manische Phasen ab. Schwerpunkt und Alleinstellungsmerkmal der Klinik Carolabad ist die Behandlung psychischer Erkrankungen in der Schwangerschaft und nach der Geburt. Das können Probleme nach einer traumatischen Geburt oder Bindungsstörungen zwischen Mutter und Kind sein. Die Psyche sorgt oft auch für körperliche Beschwerden, etwa Schmerzen, Schlafstörungen oder Tinnitus. „Das passiert zum Beispiel nach Mobbingerfahrungen. Dafür gibt es bei uns spezielle Konzepte“, sagt Chefärztin Kunze. DIE PATIENTEN: Die Psychosomatik ist der Fachbereich in der Reha mit den jüngsten Patienten. Im Schnitt sind sie unter 50 Jahre alt. „Die Gruppe der Mittzwanziger wird aber immer größer“, sagt Johanna Kunze. Viele von ihnen hätten im Beruf noch gar nicht Fuß gefasst, sind überfordert von den vielen Angeboten, Ausbildungsrichtungen und möglichen Abschlüssen. „Man lässt sich heute häufig mehr Zeit für die Berufswahl, die eigenen Befindlichkeiten haben einen höheren Stellenwert. Von Jahr zu Jahr nehme dann das Vertrauen in das eigene Leistungsvermögen ab, Versagens- und Zukunftsängste kommen hinzu. Um überhaupt erwerbstätig zu werden, brauchten sie zunächst eine geschützte Ausbildung, Bewerbungstraining, Konzentrationsübungen und Zuspruch. Zugenommen Dr. Johanna Kunze Celenus-Klinik Carolabad Chemnitz Die Chefärztin der Reha-Klinik Carolabad wollte eigentlich Chirurgin werden und etwas „medizinisch Handfestes“ tun. Während des Medizinstudiums jedoch absolvierte sie ein Praktikum in einer psychiatrischen Klinik in Wien und fand Interesse an den Geheimnissen des Gehirns. Als Oberärztin für Psychiatrie war sie zuvor in der Uniklinik Dresden, im Klinikum Potsdam und in der Rehaklinik Carolabad tätig. Die Reha habe für sie den Vorteil, dass sie nicht mehr nur den eingeschränkten Blick des Akutarztes auf die Krankheit habe, sondern den Menschen als Ganzes sehe und ihm helfen könne, sein Leben zu planen. Die 45-Jährige ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Dresden. habe auch die Zahl der Männer, die eine Reha in Anspruch nehmen. Der Rentenversicherung zufolge beträgt das Verhältnis Männer zu Frauen 4:5. Vor zehn Jahren lag es bei 3:5. Im Carolabad gehöre etwa ein Drittel der Patienten zum „starken Geschlecht“, wobei gerade die Abkehr von diesem falschen Rollenbild dazu beigetragen habe, dass sich jetzt auch Männer in psychischen Notlagen Hilfe suchen. Hinzu komme, dass die Diagnose „Burnout“ gesellschaftlich anerkannt sei und sich mehr Betroffene trauen, zum Arzt oder Therapeuten zu gehen. „Ein Teil unserer Patienten ist aber auch sehr schwer psychisch krank. Diese Frauen und Männer leiden möglicherweise dauerhaft an Beeinträchtigungen der Denkleistung, an Umstellungs- und Anpassungsproblemen oder an Wahrnehmungsstörungen. Manche haben sogar Suizidgedanken.“ Sie brauchen Stabilisierung. Doch selbst für so schwer Betroffene biete sich das offene Konzept der Klinik an. „Wir geben den Patienten so viel Freiheit wie möglich, sie müssen sich aber an bestimmte Regeln halten.“ Dazu gehöre es, die Therapie- REHA KOMPASS 53