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REHA-Kompass | März 2019

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stunden diszipliniert

stunden diszipliniert wahrzunehmen und alles in Rücksprache mit den Therapeuten zu tun. „Morgens beim Betreten des Frühstücksraumes loggen sie sich in unser Anwesenheitssystem ein. Dann wissen wir, dass sie aufgestanden sind und es ihnen soweit gut geht“, sagt die Chefärztin. Haben sie sich bis zu einer bestimmten Zeit nicht registriert, sucht das Pflegepersonal die Patienten auf. „Gerade bei schweren Depressionen fehlt vielen der Antrieb, ihnen fällt es schwer, pünktlich aufzustehen.“ Wer das Haus verlassen will, trägt sich in Abstimmung mit dem Therapeuten in eine Liste ein. Viel Freiraum für einen selbstbestimmten Aufenthalt, doch genug Bindung für eine erfolgreiche Therapie. DIE THERAPIEN: Die Rentenversicherung stellt klare Forderungen an die Therapiedichte. Jeder Patient soll vier bis sechs Einheiten täglich absolvieren – 22 pro Woche. Die wöchentliche Therapiezeit ist dabei auf 20 bis 25 Stunden festgelegt und soll ärztliche, psychotherapeutische, ergotherapeutische, körperlichaktivierende und entspannende Teile enthalten. Die therapiefreie Zeit muss der Umsetzung des Gelernten dienen, zum Beispiel bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten. In der Klinik Carolabad erfolgt die psychotherapeutische Arbeit imeist in Gruppentherapien, aber auch in Einzelgesprächen mit dem jeweiligen Bezugstherapeuten. „Im Aufnahmegespräch wird ermittelt, wo der Patient gerade steht, ob er zum Beispiel Trauer oder eine Trennung durchmacht“, sagt die Chefärztin. „Nicht die Diagnose, sondern die aktuelle Problematik bestimmt die Art der Behandlung.“ Trotz Vorgaben der Rentenversicherung gebe es in der Chemnitzer Klinik kein Pflichtprogramm. Über alle Therapien dürfe der Patient mitentscheiden. „Denn wenn er etwas nicht möchte, hat es auch keinen Erfolg. Lehnt ein Patient aber alles ab, ist es an uns, ihm Kompromissangebote zu machen“, sagt Johanna Kunze. So hätten manche Patienten, insbesondere solche mit Mobbingerfahrung, Angst vor einer Gruppentherapie. Sie bekämen dann häufigere Einzelgesprächsangebote, und es wird versucht, sie Schritt für Schritt an eine Gruppe zu gewöhnen. „Gruppen entwickeln nämlich eine ganz eigene Dynamik. Hier sitzen Gleichbetroffene zusammen, die sich motivieren und einander verstehen.“ In diesem geschützten Rahmen lernen sie, Kritik auszuhalten und Lob anzunehmen. Die Gruppe sei unersetzlich. Bei der klassischen Depression steht die Aktivierung im Mittelpunkt. Dazu gibt es vielfältigste Sportangebote. Die Patienten haben sich vorher meist lange isoliert, sie brauchen wieder Kontakt und den Austausch mit anderen. Wer eher ruhig veranlagt ist, fände über Yoga und Tai-Chi den Zugang zu Sportarten mit mehr Power. „Um Kontakte zu fördern, motivieren wir Patienten zur Teilnahme an Ausfahrten und Wanderungen in der therapiefreien Zeit“, so Kunze. DIE THERAPIEDAUER: Für eine psychotherapeutische Reha reichen drei Wochen nicht aus. „Durchschnittlich fünf Wochen sind die Patienten hier“, sagt Johanna Kunze. Etwa 20 Prozent brauchen trotzdem noch eine Verlängerung, die vom Rentenversicherer in der Regel auch bewilligt wird. DER HEILERFOLG: Ob sich ein Patient zutraut, den Alltag wieder zu meistern, kann der Chefärztin zufolge nur er selbst beurteilen. Zu Beginn und am Ende der Reha würden Untersuchungen und Leistungseinschätzungen vorgenommen, die dann miteinander verglichen werden. Auch das persönliche Therapieziel sei entscheidend. „Manche wollen wieder arbeiten, andere eine Ausbildung aufnehmen oder auch nur stabiler für die Aufgaben zu Hause sein. „Die Patienten sind oft mindestens ein Jahr aus dem Arbeitsprozess heraus. Ein Neuanfang macht Angst.“ 80 Prozent nutzen das intensivierte Nachsorgeprogramm an der Klinik, wenn sie in der Nähe 54 REHA KOMPASS

Foto: iStockphoto.com, © Witthaya Prasongsin wohnen. Dafür gibt es 25 Gruppengesprächstermine und zusätzlich ein Aufnahme- und Entlassungsgespräch. DIE QUALITÄT: Für den Qualitätsbericht „Psychosomatik und Sucht 2017“ wurden deutschlandweit mehr als 5 600 Entlassungsberichte und Therapiepläne durch speziell geschulte Chef- und Oberärzte der Psychosomatik geprüft und mit Punkten bewertet. Die höchstmögliche Punktzahl liegt bei 100. Deutschlandweit wurden im Schnitt 74 Punkte erreicht. Bei drei Viertel der Kliniken stellten die Prüfer keine oder nur leichte Mängel fest. Die Rentenversicherung befragt außerdem Rehabilitanden zu ihrem Therapieerfolg und zur Qualität der Reha. Zwischen 61 und 75 Prozent liegen die Zufriedenheitswerte in Sachsen. Diese Berichte sind Bestandteil der Qualitätszirkel, die in der Klinik Carolabad wöchentlich stattfinden. „Wir bieten außerdem ein Beschwerdemanagement an, bei dem sich Patienten direkt an die Klinikleitung wenden können oder auch anonym Wünsche und Anregungen einreichen können“, sagt Anke Fritz, Klinikdirektorin im Carolabad. „Bei unserer internen Patientenbefragung wurde der Reha-Aufenthalt durchschnittlich mit der Note 1,8 bewertet, besser als durch die Rentenversicherung mit 2,0“. WARTEZEITEN: Innerhalb der sechs Monate, die ein Patient Zeit hat, eine ärztlich verordnete Reha anzutreten, gelinge es den meisten, einen Platz zu bekommen, so Anke Fritz. Längere Wartezeiten gibt es aber, wenn Patienten ihren Hund mitbringen wollen. „Dieses Angebot der Klinik ist sehr begehrt. Denn viele wollen sich in den Therapiewochen nicht von ihrem geliebten Tier trennen. Zudem entwickeln sich über das Tier wieder Kontakte zu anderen. Der Hund hat also einen zusätzlichen therapeutischen Effekt“, sagt die Chefärztin. Nach fünf Wochen Reha in der Klinik Carolabad Chemnitz hat auch Sandy langsam das Gefühl, wieder zu gesunden. Die junge Frau hat sich für eine tagesklinische Behandlung entschieden, um nicht von ihren kleinen Kindern getrennt zu sein. Sie geht morgens in die Klinik und ist am Nachmittag wieder zu Hause. „In intensiven Einzelgesprächen habe ich gelernt, dass Angst etwas Normales ist. Und vor allem, dass sie auch wieder vergeht, dass sie nicht lebensbedrohlich ist.“ Das hat Sandy in der Konfrontationstherapie Schritt für Schritt gelernt. „Ich bin mit meiner Therapeutin sogar auf einen Turm gestiegen und konnte hinunter sehen. Wenn ich diese Angst besiege, wird mir das auch mit meiner Krankheitsangst gelingen“, sagt sie – und arbeitet weiter intensiv daran. REHA KOMPASS 55