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REHA-Kompass | März 2019

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» ICH SPÜRE KEINEN

» ICH SPÜRE KEINEN HUNGER « KINDER- UND JUGEND-REHA – DIE ZAHL DER JUNGEN REHA- PATIENTEN IST STARK GESTIEGEN. IN BAD GOTTLEUBA BEKOMMEN SIE KLARE ZIELVORGABEN. Fotos (2) Ronald Bonß Henrik Marten wiegt mit seinen 18 Jahren nicht mal 50 Kilo. Eine vierwöchige Reha in der Kinder- und Jugendklinik in Bad Gottleuba sollte ihm beim Umgang mit der Krankheit helfen. VON STEFFEN KLAMETH Henrik Marten ist 18 Jahre alt und und ein ziemlich schmächtiges Bürschchen: 1,65 Meter klein, 48,5 Kilo leicht. „Andere beneiden mich dafür“, sagt er. Und dass er gern größer, schwerer, kräftiger wäre. Doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit steht ein Problem: „Ich spüre einfach keinen Hunger.“ Essen ist für ihn kein Vergnügen, im Gegenteil. Schon bei dem Gedanken daran habe er manchmal das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Und oft sei ihm schon am Morgen so übel, dass er es nicht zur Schule schafft. „Dort glaubte man, ich will nur schwänzen“, erzählt er. Auch viele Ärzte hätten ihn nicht ernst genommen, sodass er mehrmals den Hausarzt wechselte. Erst habe man eine Fructoseintoleranz festgestellt, dann wurde Weizen vom Speiseplan gestrichen. Dazu kommt noch ein Zwerchfelldurchbruch. Auf Anraten seiner Mutter entschloss er sich schließlich zu einer Reha: „Einen Versuch war es wert.“ Vier Wochen verbrachte der junge Mann aus dem brandenburgischen Stahnsdorf in der Kinderund Jugendklinik in Bad Gottleuba. DIE KLINIK: Ein großer Park, darin weit verstreut drei Dutzend Gebäude: Wer zum ersten Mal das Klinikgelände in Bad Gottleuba betritt, kann schnell mal die Orientierung verlieren. Und außer Puste geraten, denn die Anlage klebt förmlich an einem steilen Hang. 1913 wurde sie als erste Arbeiterheilstätte 56 REHA KOMPASS

Deutschlands eröffnet. In der DDR war sie das erste Kliniksanatorium. Nach der Wende ging sie in den Besitz der Landesversicherungsanstalt Sachsen über. Seit über drei Jahren ist die Liegenschaft an den Median-Konzern verpachtet. Der betreibt hier insgesamt sechs Fachkliniken – darunter auch die Klinik für Kinder und Jugendliche. DIE DIAGNOSEN: Wenn Kinder krank werden, dann ist das in den meisten Fällen schnell auskuriert. Doch auch im jungen Alter – und manchmal bereits mit der Geburt – können Krankheiten auftreten, die das Leben über einen längeren Zeitraum oder gar dauer haft beeinträchtigen. Eine frühzeitige Reha bietet die Chance, dass die Betroffenen künftig einen Beruf erlernen und selbstständig ihr Leben gestalten können. Seit 2017 sind Reha-Maßnahmen für Kinder und Jugendliche eine Pflichtleistung der Rentenversicherung. Im gleichen Jahr stieg die Zahl der jungen Reha-Patienten auf rund 35 000 – so viele wie noch nie. Häufigste Gründe waren Asthma bronchiale und andere Atemwegserkrankungen, Hautkrankheiten, Adipositas sowie psychische und Verhaltensstörungen. Daneben werden unter anderem auch Krebserkrankungen, Diabetes und Immundefekte in einer Reha behandelt. DIE KLINIKEN: In Sachsen haben sich vier Reha-Kliniken auf die Behandlung junger Patienten spezialisiert. Sie decken allerdings nicht alle Krankheiten ab. „Bei Erkrankungen der Atemwege werden die jungen Patienten beispielsweise in Thüringen und Sachsen- Anhalt, aber auch in anderen Bundesländern behandelt“, sagt Dr. Ursula Wächter von der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland. Dr. Milan Meder Median-Klinik Bad Gottleuba Der 44-Jährige ist seit acht Jahren Chefarzt der Median-Klinik für Kinder und Jugendliche in Bad Gottleuba. Seine Ausbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Sozialmedizin absolvierte er in Freiburg. Danach arbeitete er in einem christlichen Kinderkrankenhaus. Er hat auch ein Jahr in Russland gelebt und spricht fließend Russisch. DIE PATIENTEN: Die Altersspanne in der Kinder- und Jugend-Reha ist weit gefasst. In der Median-Klinik Bad Gottleuba werden nach Auskunft von Chefarzt Dr. Milan Meder Patienten im Alter von 2 bis 22 Jahren behandelt. Die Mehrzahl sei zwischen acht und 15 Jahren alt, wobei die Geschlechter gleich stark vertreten sind. Der Schwerpunkt liege auf psychischen und Verhaltensstörungen, Anpassungs- und Essstörungen, Sprach- und Sprechstörungen, Hyperaktivität und Konzentrationsschwäche, Einnässen und Einkoten ohne körperliche Ursache sowie auf Störungen des Sozialverhaltens. „Manche haben schon eine Heimkarriere oder ein Dutzend Psychiatrieaufenthalte hinter sich“, sagt Meder. Eine Besonderheit in Bad Gottleuba ist die Familienklinik: Hier sind Kinder und Eltern gemeinsam untergebracht – entweder als Begleitperson oder beiderseits als Patienten. Die Kinder und der Elternteil – manchmal auch Oma oder Opa – erhalten dann unabhängig voneinander eine Therapie. „Der Schwerpunkt liegt auf psychotherapeutischer Arbeit“, erklärt der Chefarzt. DIE THERAPIE: Ohne konkretes Ziel kein Erfolg: Was für die Reha ganz allgemein gilt, habe bei jungen Menschen ganz besondere Bedeutung, erklärt Dr. Meder: „Kinder und Jugendliche brauchen eine klare Zielsetzung.“ Deshalb werden zu Beginn zahlreiche Gespräche geführt – mit Ärzten, Pädagogen, Psychologen. Auf dieser Grundlage erarbeiten die Fachleute einen individuellen Therapieplan für jeden Patienten. Bei Kindern mit REHA KOMPASS 57