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Wirtschaft.netzwerk | 11/2017

C12 Freie Presse

C12 Freie Presse WIRTSCHAFT NETZWERK Dienstag, 21. November 2017 NETZWERKER Kühne Träume längst übertroffen WITTENBERGE — Ohne Netzwerk geht es nicht, lautet die Maxime von Lutz Lange. Als Betreiber der Schwimmhalle in Wittenberge nahm die Unternehmerkarriere des Prignitzers Ende der 90er-Jahre Fahrt auf. In den Folgejahren kamen Bäder aus vier Bundesländern dazu. 1996 hatte Lange zusammen mit 20 Unternehmern die Freizeitpark Wittenberge GmbH gegründet. 2006 stieg er in ein Projekt mit ein, das alle bisherigen Aktivitäten in den Schatten stellen sollte: die Alte Ölmühle in Wittenberge, ein unter Denkmalschutz stehender Industriekomplex. „Mein kühnster Traum war ein kleines Hotel am Wasser und eine Gaststätte mit einem Veranstaltungssaal“, so Lutz- Lange. Lutz Lange Unternehmer FOTO: CORNELIA LEUE Es kam anders. Heute gibt es zwei Vier-Sterne-Hotels mit 61 Zimmern, ein Café und eine Bar im Uferturm, eine Brauereigaststätte mit eigener Biermarke, Säle, einen Tauch- und einen Kletterturm. Ende Oktober eröffnet der erste Teil einer 2200 Quadratmeter großen Wellnesslandschaft, Anfang 2018 wird die Anlage bis zu 250 Gästen Platz bieten. 2,5 Millionen Euro hatten die Gesellschafter eingeplant. „Jetzt sind wir bei 15 Millionen, das grenzt an Arroganz“, wirkt Lange für einen Augenblick fast demütig. Ob Konzerte mit Roland Kaiser oder Santiano, die im Fernsehen ausgestrahlten Elblandfestspiele vor der Kulisse der Ölmühle, Tagungen oder eine der anderen Großveranstaltungen – mit der Ölmühle ist etwas entstanden, von dem die ganze Region profitiert. Hanno Taufenbach Das Ökodorf als dritter Weg In Siebenlinden in der Altmark leben 100 Bewohner schon heute in einer nachhaltig organisierten Kommune – ein gesellschaftliches Experiment. VON ALEXANDER WALTER Siebenlinden aus der Luft: Neben neu gebauten Mehrfamilienhäusern gibt es auch Wohnwagen, eine Bibliothek, Seminarräume und Geschäfte. Zum Dorf gehören außerdem 64 Hektar Wald. FOTO: PRIVAT Bei Festen wie dem zum 20-jährigen Bestehen wird auf dem Dorfplatz getanzt. FOTO: ALEXANDER WALTER SIEBENLINDEN — Der Himmel ist weit über der Altmark nördlich von Klötze. Das Dorf Poppau scheint fast schon am Rande der Welt. Wer die Muße hat, über die holprige Feldsteinstraße weiterzufahren, wird belohnt. Über eine glatt asphaltierte Piste weist ein gelbes Schild den Weg ins „Ökodorf Siebenlinden“. Die letzten Meter muss man zu Fuß zurücklegen. „Teilauto“ steht auf hölzernen Schildern auf dem Parkplatz vorm Ortseingang. Im Hintergrund tauchen ein runder Platz und lehmverputzte Häuser mit Solarzellen auf. Nur wenige Leute sind an diesem Morgen draußen unterwegs. Leben herrscht dafür im lichtdurchfluteten Hauptgebäude. Wie jeden Morgen haben sich Bewohner und Gäste im „Regiohaus“ zum Frühstück versammelt. Junge und Alte plaudern mit Kaffeebechern in den Händen. Es gibt selbstgemachte Marmelade, Brotaufstriche und Käse. Die Szenerie wirkt wie eine Mischung aus Jugendherberge und Tagungszentrum. Es ist ein denkbar unwahrscheinlicher Ort im ländlichen Sachsen- Anhalt. Zwischen alten Dörfern und Wäldern gedeiht hier ein gesellschaftliches Experiment. „Bei uns sind alle Lebensbereiche ökologisch und sozial nachhaltig angelegt, sodass unser Zusammenleben möglichst wenig Schaden anrichtet“, sagt Eva Stützel – eine schlanke Mittfünfzigerin mit Kurzhaarfrisur. Stützel gehört zu den Siebenlindenern der ersten Stunde. Alles begann nach der Wiedervereinigung, erzählt sie. Eine Gruppe von jungen Leuten aus dem Westen wollte ein Dorf gründen, das sich selbst versorgen konnte. Die Wahl zur Gründung der Keimzelle fiel schließlich auf ein altes Gehöft bei Poppau. Die Ausgangslage schien günstig, der Ort ebenso: „Die Sehnsucht nach einem Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus war damals hier im Osten groß“, sagt Stützel. 1997 wurde das Dorf als Genossenschaft gegründet. Die Zahl der Das Regiohaus ist Treffpunkt für alle Bewohner von Siebenlinden. FOTO: PRIVAT Eine der ersten Stunde: Eva Stützel, hier im Dialog mit Dorfsprecher Andreas Kroll. FOTO: ALEXANDER WALTER Bewohner ist seitdem beträchtlich gestiegen. Aus anfänglich 11 Einwohnern sind bis heute mehr als 100 geworden. Viele leben in neuen Mehrfamilienhäusern, andere in Wohnwagen. Es gibt eine Bibliothek, Seminarräume und Geschäfte. Ihren Lebensunterhalt erwirtschaften die Siebenlindener weitgehend selbst. Die meisten arbeiten für die Gemeinschaft im Ort. Nur etwa 15 Leute pendeln nach außerhalb, sagt Stützel. Brennholz kommt aus dem eigenen Forst, viele Lebensmittel werden im dorfeigenen Garten angebaut. Im „Regiohaus“ gibt es für jeden, der das möchte, drei Mahlzeiten täglich. Sechs Köche sind für die Versorgung fest angestellt. Als Gegenleistung müssen die Nutzer einen monatlichen Beitrag zahlen und sich an Küchendiensten beteiligen, sagt Andreas Kroll, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. Ähnlich sind auch andere Lebensbereiche im Ort organisiert. Daneben bieten Dorfbewohner Seminare an. Interessenten können Kurse in Konfliktbewältigung, Tanz oder Yoga belegen. Das Angebot stößt überregional auf große Resonanz. Rund 6000 Übernachtungsgäste zählt das Dorf pro Jahr. „Auch Siebenlinden ist aber kein Garten Eden“, sagt Andreas Kroll. Das Zusammenleben sei das Ergebnis ständiger Abstimmung: „Wir haben ein Rätesystem im Dorf“, erzählt der Sprecher. Jeder Bewohner kann sich in Gremien wählen lassen, wenn er es will. Die Vollversammlung entscheidet über alle Belange, die das Dorf angehen. Immer wieder gönne sich die Gemeinschaft zudem „Intensivzeiten“. „Dann nehmen wir uns schon mal eine ganze Woche raus und besprechen aktuelle Themen oder Konflikte“, sagt Kroll. Auch hier kann jeder teilnehmen, muss das aber nicht. Einfach nach Siebenlinden ziehen, das geht leider nicht, sagt Eva Stützel. Wer Interesse hat, muss sich in Kursen vorbereiten. Am Ende steht ein Vorstellungsabend vor der Vollversammlung. „Wir wollen sichergehen, dass Bewerber zu uns passen“, so Stützel. Das mit dem Ökodorf und der Altmark indes scheint zu stimmen. Was könnte das besser belegen als Worte des ehemaligen Bürgermeisters der nahen Altgemeinde Bandau, Helmut Fehse? Zum 20. Geburtstag von Siebenlinden erinnerte er vor wenigen Tagen an den Wandel der Einstellung der Altmärker zu den Nachbarn. „Wollen wir mal sehen, was aus Schulzens Hof im Busch wird“, habe mancher bei der Gründung gedacht – und an eine vorübergehende Erscheinung geglaubt. Tatsächlich passten die Interessen beider Seiten zusammen: Die eine suchte eine Basis für nachhaltiges Leben. Die andere konnte keinen leerstehenden Wohnraum leiden. Heute, 20 Jahre später, müsse man feststellen: „Alles richtig gemacht.“ DER AUTOR schreibt für die „Volksstimme“, Magdeburg. Eine Maschine voller Erfindungen Die Fertigungssysteme der Ludwigsluster Firma Rattunde können Rohre sägen, waschen, messen und mehr. Nun plant das Unternehmen eine Erweiterung. VON KATHRIN NEUMANN LUDWIGSLUST — Kopfstützen, Airbag-Patronen, Stoßdämpfer, Seitenaufprallschutz – Rohre gibt es fast überall im Auto. Rohre unterschiedlichster Abmessungen, die auch auf einer Maschine aus dem Hause Rattunde gesägt worden sein könnten. „80 bis 90 Prozent unserer Kunden sind Zulieferer der Automobilindustrie“, erklärt Firmengründer Ulrich Rattunde. Seit gut 17 Jahren baut das Ludwigsluster Unternehmen Kaltkreissäge-Fertigungssysteme mit dem Markennamen „ACS“, die nicht nur hochpräzise sägen. Sie können auch bürstenentgraten, anfasen, Gewinde schneiden, die Werkstücke waschen, stapeln, vermessen und darüber Protokoll führen. Seit die Rattunde & Co GmbH die Maschine auf der internationalen Rohr-Fachmesse „Tube“ erstmals vorstellte, wurde sie stetig weiterentwickelt und um neue Funktionen ergänzt. In den umfangreichsten Fertigungssystemen stecken heute rund 30 Erfindungen von Ulrich Rattunde, die durch 200 Patente geschützt sind. 51 weitere wurden angemeldet. „Eine Erfindung muss in jedem Land extra zum Patent angemeldet werden“, erklärt der 55-Jährige. Der Anstoß zu Erfindungen ist unterschiedlich. Mal basiert sie auf dem Wunsch eines Kunden, mal ist es eine Idee von Ulrich Rattunde für etwas ganz Neues. „Die Anforderungen, vor allem an die Qualität, steigen weiter und gehen in Richtung Null-Fehler-Produktion“, so der Geschäftsführer. Eine weitere Herausforderung für die Firma Rattunde und ihre Kunden resultiert aus der steigenden Produktionsleistung der Maschinen. „Im Einfachschnitt erreichen wir 3250 Stück pro Stunde, im Mehrfachschnitt bis zu 15.000“, erklärt Rattunde. „Da stellt sich die Frage, wie man das zu sägende Rohroder Vollmaterial schnell genug an die Maschine bekommt und wie die fertigen Werkstücke weg.“ Rund 30 ACS-Fertigungssysteme stellt das Ludwigsluster Unternehmen pro Jahr her. Eine Zahl, die in den vergangenen Jahren nur leicht gestiegen ist. „Dafür steigt der Umfang der einzelnen Maschine deutlich“, so Rattunde. Wesentlich häufiger werde jetzt aufwendige Messtechnik integriert. So lag der Umsatz des Unternehmens mit 233 Mitarbeitern und 17 Auszubildenden im Vorjahr bei rund 37 Millionen Euro. Angefangen hatte es kurz nach der Wende viel kleiner. Im April 1990 hatte sich der Maschinenbauingenieur Ulrich Rattunde nach einigen Jahren in der Softwareentwicklung mit Studien- und Arbeitskollegen selbstständig gemacht. In einer Garage in Wittenberge baute er – zumeist allein – eine Trennmaschine für Rohre. „Der Einstieg in die Branche der Rohrhersteller“, so der 55-Jährige. Danach diente eine LPG- Werkstatt als Produktionsstätte, ehe das Unternehmen 1995 nach Ludwigslust zog. Knapp fünf Jahre später verabschiedeten sich die beiden geschäftsführenden Gesellschafter Ulrich Rattunde und Martin Proksch vom Sondermaschinenbau und setzten allein auf ihr ACS-Fertigungssystem, das universell für unterschiedliche Materialien, Abmessungen und Rohrlängen genutzt werden kann und das es so kein zweites Mal auf der Welt gibt. Einspannen und Vorschub der Rohre erfolgen elektromechanisch und nicht mehr hydraulisch. „Und wir verwenden eine Sägetechnologie, die viel schneller als herkömmliche Technologien ist“, so Rattunde. Verkauft werden die Fertigungssysteme nicht nur an Kunden in ganz Europa. Über Niederlassungen bei Grand Rapids (Michigan) in den USA und in Mexiko werden Maschinen in Nordamerika vertrieben, aufgestellt und der Service dafür abgesichert. In der Ludwigsluster Bauernallee 23 ist die Rattunde & Co GmbH inzwischen an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen. Doch die Platzprobleme haben sich Mitte dieses Jahres erledigt. Das Unternehmen konnte Grundstück und Gebäude des geschlossenen Alstom-Werkes gegenüber kaufen und damit seine Grundstücksfläche verdreifachen und die Hallenfläche verdoppeln. Derzeit laufen die Planungen. „In den nächsten Monaten erfolgt die Feinplanung durch ein Ingenieurbüro.“ Dabei gehe es um Baumaßnahmen in Werkhallen und Büroräumen sowie um die Terminplanung für die nächsten Jahre. Ziel der Investition sei jedoch nicht die Erweiterung der Produktion. „Uns geht es primär darum, unsere Produktionsabläufe zu optimieren und die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen“, so Rattunde. „Eine Produktionserweiterung geht damit natürlich einher.“ DIE AUTORIN schreibt für die „Schweriner Volkszeitung“, Schwerin. ANZEIGE 3867339-10-1

Dienstag, 21. November 2017 WIRTSCHAFT NETZWERK Freie Presse C13 NETZWERKER Die Italiener vom Eisthron verdrängt Ralf Schulze macht das beste Vanilleeis im Land BEESKOW — Das beste Vanilleeis Deutschlands kommt aus Brandenburg. Aus Beeskow im Kreis Oder- Spree, einer Kleinstadt mit 8100 Einwohnern, einer schön sanierten historischen Innenstadt und einer Eismanufaktur. IceGuerilla. So heißt das Unternehmen, das im Jahr 2012 den Italienern die Schau gestohlen hat. Auf der Fachmesse Intergastra in Stuttgart, einer der wichtigsten internationalen Fachmessen in Europa für die Branchen Gastronomie und Hotellerie, gewannen die Beeskower den Wettbewerb um das beste Vanilleeis. Thomas Gottschalk verkostete die Leckerei live – und plötzlich war die IceGuerilla deutschlandweit bekannt. Ralf Schulze Eismacher FOTO: MOZ/INA MATTHES Dabei wollten Ralf Schulze und sein Freund Ricco Klotzsche nur eines: gutes Eis machen. „Es muss mir schmecken“, sagt Ralf Schulze. Das ist sein Qualitäts-Kriterium. Vor zwölf Jahren hatte der gelernte Automechaniker und Berufssoldat umgesattelt und Eis fabriziert. Zuerst allein, dann gemeinsam mit seinem Freund Ricco Klotzsche, der Fleischer von Beruf ist. Ihr neues Handwerk haben sich beide selbst beigebracht. Gelernt haben sie vor allem durch Versuch und Irrtum. Mit Erfolg: 56 Sorten gehören heute zum Standardrepertoire. So weit es möglich ist, bezieht die IceGuerilla ihre Zutaten aus der Region. Milch kommt beispielsweise aus der Uckermark. Auch saisonale Früchte werden hier eingekauft. Die richtig gute Mango fürs Eis allerdings, die reift nur in Indien. Mangosorbet, Meistervanille, Stracciatella – die Beeskower Kreationen sind in Deutschland und Österreich gefragt. Die IceGuerilla verschickt sie in speziellen Kälte-Paketen. Die Kunden können das Eis online ordern. Franchisenehmer verkaufen es in Berlin oder München, Küchenchefs von Hotels ordern spezielle Rezepte. Das alles ist für die Manufaktur mit acht Mitarbeitern kaum noch zu schaffen – deshalb wächst der Betrieb. Der Beeskower Ralf Schulze hat sich entschieden, mit seinem Unternehmen in seiner Heimatstadt zu bleiben. Im Gewerbegebiet entsteht ein Neubau. Ab dem Sommer sollen dort 35 Mitarbeiter in Schichten arbeiten. Eine Fabrik will Schulze das nicht nennen. Es soll eine Manufaktur bleiben, die dem Handwerk verpflichtet ist. Ina Matthes Eine Erfolgsgeschichte trotz Geburtsfehler „Pearls“ ging einst als Stiftung baden, funktioniert mittlerweile jedoch als ein inspirierendes Forschungsnetzwerk in der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam. VON RÜDIGER BRAUN POTSDAM — Perlen der Wissenschaft wollten die Universität Potsdam und die außeruniversitären Institute der Landeshauptstadt sammeln, als sie am 26. Januar 2009 einen Vertrag über engere Zusammenarbeit unterschrieben und damit das Forschungsnetzwerk „Pearls“ gründeten. „Pearls“ heißt „Perlen“, steht aber hier für „Potsdam Research Network“. Die Ziele des Netzwerks waren hochgesteckt: Gemeinsame Forschungsprojekte, Forschungsgelder einwerben, wissenschaftlichen Nachwuchs aus aller Welt anziehen. Tatsächlich ist der Zusammenhalt der außeruniversitären Institute mit der Universität auch dank „Pearls“ inzwischen enorm gewachsen. Neben der forschungsstarken Universität gehören 21 außeruniversitäre Institute dem Verbund an. Bis auf das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Golm sind auch alle überregional bedeutsamen Potsdamer Forschungseinrichtungen vertreten. Das Netzwerk reicht sogar weit über Potsdam hinaus. Auch das Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik (IHP) mit Sitz in Frankfurt (Oder), eine Forschungseinrichtung mit weltweitem Renommee, ist Mitglied von „Pearls“. Mitglied ist auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (Pik). Die Forschungseinrichtung untersucht Ursachen und mögliche Folgen des Klimawandels. Das Pik auf dem Potsdamer Telegrafenberg ist vielleicht eines der bekanntesten Institute in Potsdam überhaupt. Dessen Gründer und Direktor, Hans Joachim Schellnhuber, wird in Trump-kritischen Artikeln auch schon einmal von dem US-amerikanischen Leitmedium „Washington Post“ zitiert. Ingo Bräuer, Leiter der Wissenschaftskoordination am Pik, betont zwar, dass gerade wegen solcher Berühmtheit die Forschungseinrichtung auf dem Telegrafenberg auch gut für sich alleine stehen könnte, spricht sich aber dennoch für den Verbund aus. „Man braucht Pearls als einen Zusammenhang der Potsdamer Forschungseinrichtungen.“ Ein Vorteil sei, „dass alle mit dabei sind“. Bei der internationalen Vermarktung des Wissenschaftsstandortes Potsdam mache „Pearls“ schon Sinn. Bräuer denkt an die Möglichkeiten, die „Pearls“ etwa für den sogenannten „Dual career service“ bietet. Damit spricht er den in der internationalen Wissenschaft immer häufiger auftretenden Umstand an, dass aus dem Ausland nicht mehr nur Falk Korndörfer vom Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik (IHP) in Frankfurt (Oder) zeigt einen Wafer, auf dem Schaltkreise zu sehen sind. Das Institut ist eines der Mitglieder von „Pearls“. FOTO: PATRICK PLEUL/DPA einzelne Wissenschaftler, sondern zugleich deren Partnerinnen oder Partner mitkommen. Diese wollen dann ebenfalls in der Wissenschaft arbeiten. Ihnen könne man viel leichter eine Stelle vermitteln, wenn verschiedene Einrichtungen zusammengeschlossen seien. Außerdem schätzt Bräuer das Programm „Karriereentwicklung für Postdocs“. In diesem biete „Pearls“ jungen Nachwuchswissenschaftlern eine wertvolle Weiterbildung an. Erfreut über die Existenz des Netzwerkes ist naturgemäß auch der Stiftungsvorstand von Pearls, Robert Seckler. Der Biochemiker Seckler ist zugleich Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Potsdam und damit dort für die Felder verantwortlich, die auch den Kern von Pearls bilden sollen. „Die Universität Potsdam hat ganz viel profitiert“, sagt Seckler. Durch die engere Verbindung seien zahlreiche Forschungsprojekte bei den Natur- und Geisteswissenschaften angeschoben worden, die unter anderem dazu beigetragen hätten, dass die gerade mal 26 Jahre alte Hochschule beim Times Higher Education Ranking schon unter den 250 besten Universitäten weltweit rangiere. Das habe natürlich Gründe: „Es gibt keine Universität, die mit einer ähnlich hohen Zahl außeruniversitärer Institute zusammenarbeitet“, sagt Seckler. Es sei gut, solch eine Zusammenarbeit durch ein Netzwerk zu institutionalisieren. Wie für Ingo Bräuer vom Pik spielt auch für Seckler vor allem der Vermarktungsgedanke eine entscheidende Rolle für den Nutzen des Netzwerkes. Ende August haben sich die Universität und Pearls zum Beispiel auf der Messe „German Academic International Network“ (GAIN) in San Francisco präsentiert. Auch Uni-Präsident Oliver Günther machte sich dafür auf die Reise in die USA. Sein Vize Seckler ist davon überzeugt, dass dank eines solchen gemeinsamen Standortmarketings mehr Nachwuchswissenschaftler angeworben werden können, als wenn nur eine Einrichtung sich allein präsentieren würde. Es mache eben einen Unterschied, wenn ein Physiker erfahre, dass es in Potsdam nicht nur das für ihn zum Beispiel hervorragende Max-Planck-Institut gebe, sondern auch seine Frau, die vielleicht als Biologin forscht, gleichfalls eine passende Forschungseinrichtung in Golm finde. Doch es gibt auch schlechte Nachrichten. Ausgerechnet Pearls- Geschäftsführerin Silke Brodersen macht auf einen Geburtsfehler aufmerksam: „Es liegt vor allem an der Konstruktion der Stiftung“, sagt sie. Ursprünglich habe man gedacht, dass zu den Zustiftungen der einzelnen Institute noch viel größere Beträge, vor allem vom Land Brandenburg selbst, hinzukämen. Das ist keineswegs geschehen. „Die Hoffnung, eine Stiftung wie etwa die Berliner Albert-Einstein-Stiftung zu schaffen, hat sich nicht erfüllt“, so Brodersen. Große Projekte, die man mit Stiftungsgeldern finanzieren könne – zum Beispiel Stellen für Gastwissenschaftler schaffen –, mussten schnell ad acta gelegt werden. Pearls muss kleinere Brötchen backen und sich vor allem auf gemeinsame Forschungsinitiativen durch engere Kontakte konzentrieren. Über die Konstruktion einer Stiftung ist inzwischen auch Stiftungsvorstand Seckler nicht besonders glücklich, zumal das Stiftungskapital wegen der Lage auf dem Finanzmarkt keine Zinsen abwerfe. Die Gründung einer Stiftung erweist sich inzwischen eher als Klotz am Bein, denn der Zweck einer Stiftung ist rechtlich nicht so leicht zu ändern wie das bei einem Verein der Fall ist. Der kann sich in einer Mitgliederversammlung einfach eine neue Satzung geben. Inzwischen rumort es an der Pearls-Basis. Wie aus der Stiftungs-Konstruktion doch noch ein schlagkräftiger Verbund mit Einfluss auf die Wissenschaft weltweit werden könnte, ist bisher nicht klar. DER AUTOR schreibt für die „Märkische Allgemeine“, Potsdam. Geschäftsstelle an der Uni Potsdam ist Wissensstadt – mehr als 10.000 der gut 170.000 Einwohner arbeiten in wissenschaftlichen Einrichtungen. Die brandenburgische Landeshauptstadt ist die Kommune mit der größten Wissenschaftlerdichte in Deutschland. Drei Max-Planck-Institute und zwei Fraunhofer-Institute sind in Potsdam seit gut 20 Jahren heimisch. Hinzu kommen beispielsweise das deutsche Geoforschungszentrum (GFZ), das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), das Institut für Nachhaltigkeitsforschung (IASS) oder das Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP). Insgesamt kommt man auf 40 wissenschaftliche Einrichtungen in und um Potsdam. Das Potsdam Research Network „Pearls“ hat eine an der Universität Potsdam angesiedelte Geschäftsstelle. Diese wirkt als zentrale Koordinationsstelle und als Plattform für die gemeinsame Nachwuchsförderung, Verbundforschung und das Forschungsmarketing für den Wissenschaftsstandort Potsdam. ANZEIGE 3869311-10-1