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Wirtschaft.netzwerk | 11/2017

C2 Freie Presse

C2 Freie Presse WIRTSCHAFT NETZWERK Dienstag, 21. November 2017 NETZWERKER Verein verbindet 132 Firmen Udo Bechtloff hat eine ambitionierte Vision CHEMNITZ — Zu den wichtigsten Netzwerken der sächsischen Wirtschaft gehört der Industrieverein Sachsen 1828 in Chemnitz. Udo Bechtloff, der frühere Chef der KSG Leiterplatten GmbH im erzgebirgischen Gornsdorf, ist seit dem Frühjahr dessen Präsident. Die Vereinigung verbindet 132 sächsische Industrieunternehmen und industrienahe Dienstleister, die mehr als Udo Bechtloff Präsident des Industrievereins Sachsen 1828 FOTO: INES ESCHERISCH/ARCHIV 50.000 Arbeitsplätze sichern und einen jährlichen Umsatz von rund 15 Milliarden Euro erwirtschaften. Die Tradition, an die der im Jahr 2000 gegründete Verein anknüpft, verpflichtet zu Visionen. „Wir dürfen uns nicht mit Mittelmäßigkeit zufriedengeben“, sagt der Vereinspräsident. Denn der Verein sieht sich als Fortsetzung des „Industrievereins für das Königreich Sachsen“ von 1828. Der hatte damals mit seinem wirtschaftlichen und politischen Einfluss entscheidende Weichen für Südwestsachsen gestellt. Er bewirkte den dringend notwendigen Eisenbahnanschluss von Chemnitz und regte auch die Gründung der Königlichen Gewerbeschule an. So viel Reputation ist für den promovierten Elektroingenieur Ansporn. „Wir wollen mit Sachsen wieder in die erste Liga der Wirtschaftsstandorte.“, beschreibt Bechtloff seine Vision. Christoph Ulrich So wird der Osten vorm Blackout bewahrt Wegen der Energiewende müssen die ostdeutschen Netzbetreiber häufig in ihre Netze eingreifen. Das bewahrt die Stromkunden vor einem Blackout – und kostet sie viel Geld. VON JÜRGEN BECKER CHEMNITZ/TAUCHA — Karsten Henze merkt sofort, wenn irgendwo in Mitteldeutschland eine Gewitterfront die Sonne verdeckt oder der Wind stark abflaut. Er spürt auch unmittelbar, wann die Menschen aufstehen, sich einen Kaffee kochen, das Licht oder ihre Fernseher anschalten, ihre Computer oder die Bänder in den Fabriken hochfahren. Henzes Arbeitsplatz ist die Schaltleitstelle des Netzbetreibers Mitnetz Strom. Dort, in einem unscheinbaren Gebäude wenige Kilometer nordöstlich von Leipzig, entscheidet sich alltäglich, ob mit dem Strom alles so funktioniert, wie es die Sachsen, Brandenburger, Thüringer und Sachsen-Anhalter für selbstverständlich halten. Henze sitzt in einem schlichten Raum mit drei Schreibtischen, auf denen jeweils mehrere Monitore stehen. Davor hängt an der Wand ein riesiger Bildschirm mit einem Wirrwarr aus braunen, grünen, gelben und lilafarbenen Linien. Es sind die Leitungen, für die Mitnetz Strom verantwortlich ist. Deren Netz erstreckt sich auf 28.000 Quadratkilometer und ist fast 74.000 Kilometer lang. Henze und seine 40 Kollegen steuern, regeln und überwachen es – und versorgen so 2,3 Millionen Einwohner. „Außerdem sorgen wir dafür, dass Stromerzeuger ins Netz einspeisen können“, sagt Henze. „Und das wird ständig komplexer.“ Denn immer mehr Energie fließt aus Windkraft oder Fotovoltaik zu. Hatten 2005 noch 5000 Öko-Anlagen ihre Ausbeute bei Mitnetz eingespeist, waren es 2016 schon 40.000. Die erzeugen elf Milliarden Kilowattstunden. Das reicht, um den Jahresstromverbrauch von vier Millionen Haushalten zu decken. Dabei funktioniert das Netz im Prinzip wie eine Badewanne – nur dass es nicht nur einen, sondern Tausende Wasserhähne gibt. Und die drehen sich auch noch ständig selbst auf und zu. Mal tröpfelt es, mal sprudelt es. Mal flutet es aus allen Rohren. „Unser Netz muss alles auffangen – und darf dabei aber nicht überlaufen“, erklärt Gruppenleiter Frank Beyer. „Und umgekehrt darf unten aber auch nicht zu viel abfließen, wenn oben nichts nachkommt.“ Die Leitstelle muss die Spannung im Netz stabil halten – und dadurch verhindern, dass überall der Strom ausfällt. Einen solchen Blackout gab es im Netz von Mitnetz noch nie. Doch Henze und seine Kollegen müssen häufig eingreifen, damit das nicht passiert. 224 Mal geschah das im vergangenen Jahr. Meist gab es Engpässe im eigenen Netz, weil gerade die Sonne zu sehr brannte und gleichzeitig der Wind zu stark blies. Jedes achte Mal kam die Aufforderung, die Einspeisung zu drosseln, aber auch vom Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz. Der muss den Strom quer durch Deutschland bringen. Denn erzeugt wird der Strom zunehmend dort, wo er gar nicht gebraucht wird. Während im Norden und Osten riesige Windparks entstanden sind, gehen im energiehungrigen Süden nun schrittweise die Atomkraftwerke vom Netz. Doch für den Transport derartiger Strommengen ist das Netz von 50 Hertz nicht ausgelegt – noch nicht. Dafür ist der Bau einer neuen Starkstromtrasse notwendig. Dieser sogenannte „Süd-Ost-Link“ könnte frühestens 2025 bis zu zwei Gigawatt Windenergie – das entspricht in etwa der Leistung zweier Schichtleiter Karsten Henze und seine 40 Kollegen vom Netzbetreiber Mitnetz Strom steuern, regeln und überwachen ein 74.000 Kilometer langes Netzwerk aus Stromleitungen. FOTO: VOLKMAR HEINZ Kraftwerke – aus dem Norden und Osten in die Zentren im Süden transportieren. Bis dahin verstopft der Öko- Strom aber weiterhin die Leitungen. In der Praxis bedeutet das: Die Gesetze der Marktwirtschaft werden ausgehebelt. Denn wenn sich die Windräder auf Hochtouren drehen und die Sonne auf die Fotovoltaik-Module brennt, drückt das den Strompreis an der Börse. Viele Kohle- und Gaskraftwerke wären dann eigentlich unrentabel. Weil ein Großteil des erzeugten Öko-Stroms aber gar nicht abtransportiert werden kann, müssen die Netzbetreiber trotz der Stromtiefpreise herkömmliche Kraftwerke im Süden anfahren lassen. Und das ist eine teure Angelegenheit. Zugleich müssen Kraftwerke und Windparks im Norden und Osten gedrosselt werden, damit das Netz nicht kollabiert. Auch Mitnetz schickt dann an die großen Öko- Strom-Parks vor allem in Brandenburg und Sachsen-Anhalt ein Funksignal mit der Anweisung, die Erzeugung herunterzufahren. „Das funktioniert schnell, effizient und in drei Schritten bis runter auf Null“, sagt Beyer. Die Anlagenbetreiber erhalten dafür eine Entschädigung. Ist es im Norden und Osten aber wolkig und weht gerade auch kein Wind, müssen auch dort konventionelle Kraftwerke zugeschaltet oder weiter hochgefahren werden. Das kostet ebenfalls zusätzliches Geld. All diese Eingriffe und den Netzausbau müssen die Stromkunden bezahlen. Diese sogenannten Netzentgelte machen in Ostdeutschland schon etwa ein Drittel des Strompreises aus. Im Landkreis Nordsachsen versuchen sie, die Kosten für die Eingriffe gering zu halten. Eine genaue Prognose, welche Mengen Strom die Öko-Anlagen einspeisen werden, hilft dabei. Die Wettervorhersagen für jedes einzelne Gebiet schauen sich Henze und seine Kollegen deshalb sehr genau an. „Hier kommt noch einmal eine Spitze, aber dann soll es abflauen“, sagt Henze. „Man braucht da bei der Entscheidung, ob man eingreifen muss oder doch noch etwas warten kann, auch ein bisschen Fingerspitzengefühl.“ DER AUTOR schreibt für die „Freie Presse“, Chemnitz. Die ostdeutschen Champions in Thüringens Süden Den Rennsteig kennt fast jeder. Touristen auf Deutschlands ältestem Fernwanderweg übersehen aber, dass in Thüringens Süden die wirtschaftlich erfolgreichste Region des Ostens liegt. VON OLAF AMM SUHL — Der 170 Kilometer lange Rennsteig ist der meist begangene und älteste Fernwanderweg Deutschlands. Wie ein Rückgrat zieht er sich über den Thüringer Wald und das Schiefergebirge bis zum Frankenwald. Um ihn herum liegt ein engmaschiges Wegenetz. Schön ist es am Rennsteig, aber die Wanderseligkeit und die Herbstblätter auf den Broschüren der Tourismuswerber überdecken eine andere Realität. Die Region rund um den Wanderweg ist zu den wirtschaftlich erfolgreichsten in den neuen Ländern aufgestiegen. Rund 48 Prozent der steuerbaren Umsätze kommen aus der Industrie, nur zwei Prozent aus dem Gastgewerbe. „Die Industrie ist Wachstumsmotor und treibende Kraft für den Aufschwung unserer Region. Wenn wir darüber berichten, dass der Kreis Hildburghausen die höchste Beschäftigungsquote der Bundesrepublik meldet, in Südthüringen nahezu Vollbeschäftigung herrscht und das regionale Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 3,8 Prozent und damit doppelt so stark wie im deutschen Durchschnitt wachsen wird, dann ist die Industrie daran wesentlich beteiligt“, erklärt Peter Traut, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südthüringen. Ende September berichtete die Arbeitsagentur Suhl, dass inzwischen vier ihrer Geschäftsstellen eine Arbeitslosenquote von unter vier Prozent ausweisen. Am niedrigsten ist sie in Sonneberg mit 3,4 Prozent. Das war besser als etwa in der bayerischen Landeshauptstadt München, wo die Quote bei 4,1 Prozent lag. Ein Beispiel für den Aufschwung am Rennsteig ist die Rennsteig Werkzeuge GmbH in Viernau (Kreis Schmalkalden-Meiningen). Die Marke Rennsteig steht vor allem für Zangen. „Unsere Zangen bestehen aus bis zu 170 Bauteilen und sind zum Teil mit Elektronik ausgestattet, die den Anwendern sagt, ob sie das Werkzeug richtig einsetzen“, erklärt Geschäftsführer Sascha Zmiskol. Kabelverbindungen sind die Spezialität von Rennsteig. Bei Airbus ist Rennsteig der einzige zertifizierte Zangenlieferant für das Crimpen der Aluminium-Kabelverbindungen im A380. Rennsteig liefert die Zangen, mit denen die Kabel verbunden werden. In Hackensack bei New York unterhält die Firma eine Niederlassung, um den amerikanischen Markt zu bedienen. Mehr als 300 Mitarbeiter an beiden Standorten sind für die Marke Rennsteig tätig – doppelt so viele wie 1991, als das Unternehmen von der Wuppertaler Knipex-Gruppe übernommen wurde. Trotz der starken Mutterfirma arbeitet Rennsteig-Werkzeuge selbstständig. „Wir liefern auf alle Erdteile, aber unsere Steuern zahlen wir in Viernau und dem fünf Kilometer entfernten Altersbach“, erklärt Zmiskol. Eine eigene Entwicklungsabteilung gibt es auch – das Unternehmen hält mehr als 60 Patente, der Exportanteil liegt bei mehr als 50 Prozent. Produziert wird zu 80 Prozent in den eigenen Hallen, der Rest durch ein Netzwerk von knapp 30 Unternehmen abgedeckt. Die Kehrseite des Erfolges, den die 2500 Industriebetriebe am Rennsteig feiern, sind Schwierigkeiten bei der Mitarbeitergewinnung. „Der Arbeitsmarkt ist nahezu leer gefegt“, heißt es regelmäßig aus der IHK. Bei Rennsteig Werkzeuge hat man es sogar schon mit Headhuntern versucht. Das Resultat war bescheiden. Nachbar von Rennsteig Werkzeuge im Gewerbegebiet ist die Hehnke GmbH & Co. KG, ein Kunststoffverarbeiter und Automobilzulieferer mit 115 Mitarbeitern und Kunden wie Daimler, BMW, Porsche, Rolls Royce und Bentley. Beide Unternehmen betreiben Jugend-Unternehmenswerkstätten. Hehnke eröffnete seine nach dem Vorbild des Nachbarn. Schüler der vierten bis sechsten Klassen können dort professionelle Maschinen nutzen. Die Jugend soll so einen emotionalen Zugang zu Industrieunternehmen erhalten. „Wir möchten unseren Beitrag dazu leisten, Kinder für handwerkliche Hobbys zu begeistern“, erklärt Zmiskol. Sieben Jugend-Unternehmenswerkstätten sind in Südthüringen aktiv, weitere sollen folgen. „Rennsteig – Immer eine gute Verbindung“, heißt der Werbeslogan der Werkzeugmacher. Das könnte vom Wanderweg abgeleitet sein und auch die Netzwerke beschreiben, die sich die Industrie in Thüringens Süden aufgebaut hat, um die Region weiter nach vorn zu bringen. DER AUTOR schreibt für das „Freie Wort“, Suhl. 3871239-10-1

Dienstag, 21. November 2017 WIRTSCHAFT NETZWERK Freie Presse C3 NETZWERKER Noch immer Zugpferd des Erzgebirges Jens Weißflog bleibt ein gefragter Mann OBERWIESENTHAL — Wenn die paar grauen Haare nicht wären, könnte man meinen, er gehöre noch immer zum Skispringerzirkus dazu: Jens Weißflog, ein gern gesehener Gast bei Sportveranstaltungen jedweder Couleur, gab jüngst in Klingenthal beim Sommerstelldichein der Skisprungweltelite noch fleißig Autogramme oder ließ sich für Selfies ablichten. Jens Weißflog Olympiasieger und Hotelier FOTO: JENS DEGEN/ARCHIV Auch mehr als 20 Jahre nach der Karriere ist der nach wie vor schlanke Erzgebirger ein gefragter Mann bei Medien und Publikum, wenn es um die Kunst des Fliegens auf zwei schmalen Brettern geht. „Das ist natürlich schön, wenn die früheren Leistungen noch nicht ganz in Vergessenheit geraten sind“, sagt der viermalige Sieger der Vierschanzentournee, der sich in gleich zwei Stilarten (Parallel- und V-Stil) zum Olympiasieger krönte (1984 in Sarajevo und 1994 in Lillehammer). Er ist der einzige Athlet, dem dieses Kunststück gelungen ist. In seinem Appartementhotel in Oberwiesenthal trägt er heute Verantwortung für insgesamt 23 Mitarbeiter. Enormer Bekanntheitsgrad belebt natürlich das Geschäft, füllt aber auch nicht allein die Gästeliste seines Hauses. Seine Omnipräsenz, ob als Promi auf dem Roten Teppich bei der „Goldenen Henne“, als Golfer, Koch oder wie jüngst bei Hirschrufmeisterschaften, hilft Jens Weißflog freilich. Aus dem Hotelfach kommt seine Freundin. Seit zehn Jahren ist Jens Weißflog mit Doreen Fiebig liiert. KeinWunder also, dass der in Erlabrunn geborene, in Pöhla aufgewachsene und seit 40 Jahren in Oberwiesenthal lebende Sachse das Aushängeschild der Tourismusregion ist. Selbst wenn er wollte, könnte sich Weißflog dem Titel des „Vorzeige-Erzgebirgers“ nicht entziehen. Thomas Prenzel Sie organisiert eine Konferenz am Tisch POTSDAM — Einmal im Jahr treffen sich einige der wichtigsten Köpfe der Medienwelt in Potsdam zum M100 Sanssouci Colloquium. Der gute Geist im Hintergrund, der dieses Treffen im Dienst der Pressefreiheit erst möglich macht, ist Sabine Sasse. Die Berliner Journalistin, die in verschiedenen regionalen und überregionalen Zeitungen vor allem über Kultur- und Medienthemen schreibt, ist seit 2007 Projektleiterin Sabine Sasse Journalistin und Projektleiterin FOTO: KERSTIN GÄRTNER der Tagung und ist damit in den sechs Monaten vor Konferenzbeginn voll ausgelastet. M100 habe sich „in Europa eine einzigartige Stellung erarbeitet“ als Plattform für den Austausch zwischen Medienvertretern, sagt sie. Es gebe keine andere Konferenz, in der die Teilnehmer so wie hier an einem großen Tisch diskutierten. In diesem Jahr stand das Colloquium unter dem Motto „Demokratie oder Despotie – die Renaissance der dunklen Mächte“. Die Eröffnungsrede hielt Can Dündar, Ex-Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhuriyet. Ulrich Nettelstroth „Landgemacht“ will Sachsen erobern Die traditionsreiche Rolle-Mühle in Waldkirchen bei Zschopau ist zum Zentrum einer regionalen Dachmarke geworden. VON JAN-DIRK FRANKE Er ist einer, der sich vornan stellt, wenn es um neue Ideen für die Zukunft geht: Thomas Rolle, Geschäftsführer der C.F. Rolle GmbH. FOTO: UWE MANN WALDKIRCHEN — Manchmal braucht es einen kleinen Ruck, damit die Dinge in Bewegung kommen. Thomas Rolle nervte es, dass in den Advents- und Weihnachtssendungen im Fernsehen das Erzgebirge nur mit den Herstellern von Schwibbogen, Nussknacker und Co. in Verbindung gebracht wurde. „Beim Stollen wurde dagegen nach Dresden geschwenkt“, schildert er. Für den Inhaber der Rolle-Mühle in Waldkirchen bei Zschopau ein Unding. Dabei sei der Stollen doch das traditionelle Weihnachtsgebäck im Erzgebirge. Doch was tun, um das zu ändern? Der Grund für das Dilemma stand für Rolle schnell fest: „Die Journalisten hatten keinen Ansprechpartner in der Region.“ Also gründete der Mühlenchef den Erzgebirgischen Stollenverband und zog los, um Mitstreiter zu suchen. Inzwischen sind rund 20 Bäckereien unter das Verbandsdach geschlüpft. Gemeinsam wird das Verpackungsmaterial entworfen und die Werbetrommel gerührt. Es gibt auch jedes Jahr eine gemeinsame Stollenprüfung. Beim Backen müssen bestimmte Dinge eingehalten werden, damit die Qualität stimmt. Darüber hinaus habe jeder Bäcker aber sein eigenes Rezept, das ihn unterscheidbar mache von den Kollegen. „Es ist eine ganz erfolgreiche Geschichte, die Resonanz wächst“, sagt Rolle. Es ist eine Erfahrung, die er nicht missen möchte. Fünf Jahre später entsteht das nächste Netzwerk. „Mit dem Stollenverband haben wir trainiert“, flachst er. 2015 geht die Marke „Landgemacht“ an den Start – und bringt die Produkte der Mühle im Tal des Zschopau-Flusses in die Filialen der Lebensmittelmärkte. Den Anstoß gaben Edeka und Konsum, die auf der Suche nach regionalen Lieferanten bei ihm anklingelten. Bis dahin belieferte die Mühle nur Bäckereien und den Naturkostfachhandel. Er sei zuerst skeptisch gewesen, erinnert sich Rolle: Wozu brauchten die Ketten noch eine Sorte Mehl mehr, sie haben doch schon genug im Regal stehen? Doch er sagte zu. Und war am Ende überrascht: „Die Leute haben tatsächlich das Mehl aus der Region gekauft.“ Schnell fiel die Entscheidung, das Geschäft auszubauen. Aber Rolle war sich auch bewusst: Es wird nicht einfach, sich als kleiner Familienbetrieb bei den großen Ketten dauerhaft im Sortiment zu platzieren. Die Lösung: ein Netzwerk mit weiteren regionalen Produzenten, die ähnlich tickten. Rolle gründete die Dachmarke „Landgemacht“ und machte sich wieder auf die Suche nach Partnern. Den heute 62-Jährigen störte das nicht: „Es muss immer einen geben, der sich vornan stellt.“ Neben der Mühle gehören der Backwaren- und Müsli-Hersteller Lebensgarten aus dem vogtländischen Adorf, der Kloß- und Knödel-Produzent Münzner aus Marienberg im Erzgebirge und die Neukircher Zwieback GmbH aus Neukirch in der Lausitz zu dem Verbund. Eine Ölmühle soll demnächst noch dazustoßen. Die Kriterien für die Aufnahme: Es muss sich um einen Familienbetrieb handeln, die Produkte tragen ein Bio-Siegel und sie werden in der Region hergestellt. Konsum, Edeka, Kaufland, Rewe, Simmel – inzwischen sind die „Landgemacht“- Firmen bei „fast allen einschlägigen Lebensmittelhändlern“ gelistet. Eine Handelsagentur kümmert sich um den Vertrieb. „Mit drei Tüten Mehl würde das keinen Sinn ergeben, aber so können wir uns das leisten.“ Zusammen ist man halt stark. Die Umsätze seien seit dem Start gestiegen, man sei zufrieden mit der Entwicklung, sagt Rolle. Lebensgarten-Chef Andreas Hubmann sieht das ähnlich: „Das bringt alle Beteiligten nach vorn.“ Die Absatzmengen könnten aus seiner Sicht zwar noch etwas größer sein. „Aber ich denke, es wird angenommen“, sagt Hubmann. Für ihn steht fest: In solchen Kooperationen liegt die Zukunft. „Man gewinnt Aufmerksamkeit für die eigene Marke, und es ist doch auch für die Kunden besser, wenn es fünf mal fünf Produkte gibt, statt nur fünf.“ Dabei hatte Rolle anfangs schon Bedenken: Werden wir dann noch als Rolle-Mühle wahrgenommen? Aus dem Grund klebten die Erzgebirger zum Start Sticker auf die bisherigen Mehltüten: „Die Rolle-Mühle zieht sich um“, stand drauf. Anfangs seien schon Anrufe von Kunden gekommen. Sätze wie „Euch gibt’s wohl gar nicht mehr?“ musste sich Rolle anhören. Aber das sei überstanden. Natürlich soll das Geschäft mit der Dachmarke ausgebaut werden. „Wir sind auch offen für weitere Partner, die unter das Dach passen“, so Rolle. Beim Absatz liegt der Fokus klar auf Sachsen. „Brandenburg wäre für uns aber durchaus noch vorstellbar“, fügt er hinzu. Aber viel weiter hinaus wollen die Partner nicht. Eine bundesweite Präsenz sei kein Ziel, das schaffe man nicht. Allein von ihren „Landgemacht“-Artikeln – Bio-Backmischungen, Bio-Mehle und Bio-Getreide – kann die Mühle freilich nicht leben. Eine Lkw-Ladung Getreide – das sind 30 Tonnen – verarbeiten die gut 20 Mitarbeiter Tag für Tag. Ein Zehntel der Produktion entfällt auf das Geschäft mit Endverbrauchern. „Aber wir sind hier ja auch noch nicht so lange unterwegs“, meint Rolle. Er sieht Potenzial. „Das ist der Bereich, der wächst. Wir machen keine Riesensprünge, aber es geht voran.“ Bislang verdient der traditionsreiche Betrieb – die Mühle selbst wurde 1563 erstmals urkundlich erwähnt – sein Geld vor allem mit Lieferungen an das Bäckerhandwerk. 200 Betriebe in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Berlin zählt Rolle zu seinem Kundenstamm. Doch die Anzahl der Handwerksbetriebe schrumpft. Jedes Jahr verschwinden kleine Bäckereien. Und bei den großen Filialbetrieben hat er keine Chance. „Dafür haben wir die Mengen gar nicht.“ So ist das Verbundprojekt auch ein Stück weit Zukunftssicherung. „Das ist auf jeden Fall eine Variante, um gegenzusteuern“, ist Thomas Rolle, der in fünfter Generation den Betrieb führt, überzeugt. Die sechste Generation ist dabei schon einbezogen: Tochter Anne Rolle-Baldauf ist im Hause für die „Landgemacht“-Artikel verantwortlich. DER AUTOR schreibt für die „Freie Presse“, Chemnitz. ANZEIGE 3864389-10-1