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Wirtschaft.netzwerk | 11/2017

C4 Freie Presse

C4 Freie Presse WIRTSCHAFT NETZWERK Dienstag, 21. November 2017 NETZWERKER Weltmarkt immer im Fokus Rainer Gläß fühlt sich der Heimat eng verbunden SCHÖNECK — Auch wenn die GK Software AG heute Büros in Metropolen wie Berlin, Hamburg und Moskau hat – wer zu Vorstandschef Rainer Gläß will, muss tief hinein ins sächsische Vogtland fahren. In Schöneck, einer Kleinstadt mit gut 3300 Einwohnern, umgeben von Wäldern und nahe an der Grenze zu Tschechien, hat die Firma ihren Sitz. Rainer Gläß Vorstandsvorsitzender der GK Software AG Eine Sammlerin und ihre vier Schatzkisten Innerhalb von sechs Jahrzehnten hat die gebürtige Wurzenerin Erika Pohl-Ströher eine der bedeutendsten privaten Mineralsammlungen der Welt aufgebaut. Möglich machte das ein Netzwerk, das sie ohne E-Mail und Facebook mit Händlern und Tauschpartnern rund um den Globus knüpfte. Von ihrer Leidenschaft profitieren vier Einrichtungen im Erzgebirge. VON CHRISTIAN WOBST FOTO: CHRISTIAN SCHUBERT Gläß gilt als verwurzelt mit seiner Heimat. Immer wieder hat er sich dazu bekannt. „Ich glaube, es ist ein Vorteil, in Schöneck zu sein. Wir haben hier gute und fleißige Mitarbeiter, die loyal zum Unternehmen stehen. Und damit haben wir Stabilität“, sagte der 58-Jährige unlängst bei der Inbetriebnahme der jüngsten Investition, einem fünf Millionen Euro teurem Erweiterungsbau für die gut 350 Beschäftigten in Schöneck. Die GK, eine der wenigen börsennotierten Firmen in Mitteldeutschland, hat sich als Entwickler von Softwarelösungen für den Handel einen Namen gemacht. Ketten wie Aldi, Douglas oder Loblaw in Kanada stehen auf der Kundenliste. In mehr als 41.000 Filialen in über 40 Ländern ist die Software im Einsatz. Mehr als 900 Mitarbeiter an zwölf Standorten beschäftigt GK heute. Der Start war bescheidener, als Gläß und sein Partner Stephan Kronmüller im Jahr 1990 als Zwei- Mann-Unternehmen loslegten. Die beiden Informatiker hatten weder Firmenräume noch Geld. Vom Wohnzimmer aus wurden Buchhaltungsprogramme für mittelständische Betriebe entwickelt. Nach einigen Jahren kamen die ersten Großaufträge und 2008 schließlich der Börsengang. Das sei der größte und entscheidende Erfolg gewesen, so hat es Gläß einmal formuliert. Jan-Dirk Franke FREIBERG/ANNABERG-BUCHHOLZ/GE- LENAU — Von ihrer ersten Begegnung mit der Stifterin „ihres“ Museums ist Anna Dziwetzki noch immer beeindruckt. „Erika Pohl-Ströher war damals schon um die 90, aber noch immer an allem interessiert und eine sehr angenehme Gesprächspartnerin. Sie ist sehr bescheiden aufgetreten“, erinnert sich die Leiterin der Terra Mineralia in Freiberg an die Begegnung vor ein paar Jahren. Dabei hätte die gebürtige Wurzenerin allen Grund zum Protzen gehabt: Ihre Eltern legten Anfang des 19. Jahrhunderts im erzgebirgischen Oberwiesenthal und später im vogtländischen Rothenkirchen den Grundstock für den Wella-Konzern. Als Erika Pohl-Ströher 2003 ihre Wella- Anteile an Procter & Gamble verkaufte, soll ihr das fast 900 Millionen Euro eingebracht haben. Das Geld zog die Händler an Allerdings dürfte es der promovierten Biologin und Chemikerin auch vor dem Verkauf nicht an Geld gemangelt haben, was wiederum dem Aufbau ihrer Sammlung sicherlich nicht schadete: „Die Sammler und Händler wussten, dass Erika Pohl- Ströher gut bezahlt“, sagt Andreas Massanek, Geschäftsführer der Geowissenschaftlichen Sammlungen im Krügerhaus in Freiberg. Auch diese Ausstellung basiert zu großen Teilen auf den Mineralien, die Erika Pohl-Ströher zeit ihres Lebens zusammengetragen hat. „Von einem Die Leiterin der Terra Mineralia, Anna Dziwetzki, und Simon Schmitt von der TU Bergakademie Freiberg betrachten einen pinkfarbenen Calcit-Sinter aus Schneeberg. Er ist einer der Ausstellungsstücke, die im Schloss Freudenstein in Freiberg zu sehen sind. FOTO: HENDRIK SCHMIDT/DPA/ARCHIV Menschen mit einer Sammlung der Größe und Güte, wie wir sie zeigen, glaubt man ja gemeinhin, er müsse viel gereist sein“, sagt Anna Dziwetzki. Doch das sei bei der im vergangenen Jahr in der Schweiz gestorbenen Mäzenin nicht der Fall gewesen. Ganz im Gegenteil: „Wir wissen, dass sie 14 Mal in Namibia war, denn sie war ein großer Freund des afrikanischen Landes, aber ansonsten ist sie eher wenig gereist“, so die Museumsleiterin. Erika Pohl-Ströher war aber eine begnadete Netzwerkerin. „Die Tauschpartner und Händler aus der ganzen Welt kamen zuerst zu ihr, um ihr die besten Stücke anzubieten“, weiß Andreas Massanek. Wer und vor allem wie groß der Kreis der Verkäufer war, ist bis heute ein gut gehütetes Geheimnis. Für die Sammlung in Freiberg spielt das keine Rolle, schließlich hat sich diese umfangreiche und nach regionalen Gesichtspunkten geordnete Kollektion über die Fachkreise hinaus den Ruf erworben, durch erstklassige Qualität und Ästhetik zu bestechen. Sehnsucht nach dem Spielzeug Die Terra Mineralia und die Mineralogische Sammlung im Krügerhaus bilden dabei nur einen Teil der Sammelleidenschaft von Erika Pohl- Ströher ab, schließlich hatte diese auch ein Faible für Spielzeug und Erzgebirgische Volkskunst. „Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie Ströher enteignet und ging in den Westen. Die spätere Sammlerin konnte dabei nur einen kleinen Koffer mit einigen erzgebirgischen Volkskunstartikeln sowie Spielsachen mitnehmen. Daraus entstand ihre Sehnsucht nach diesen Dingen“, erklärt Matthias Förster, Pressesprecher von Annaberg-Buchholz. In der Bergstadt im Herzen des Erzgebirges befindet sich seit 2010 die „Manufaktur der Träume“. In dem Museum werden rund 1500 Exponate von Erika Pohl-Ströher als Dauerleihgabe gezeigt. Nach dem Mauerfall beauftragte die Sammlerin den Chemnitzer Antiquar Eckhardt Holler, für sie in Deutschland und insbesondere im Erzgebirge auf die Suche nach typisch erzgebirgischer Holzund Volkskunst sowie Spielzeug zu gehen, berichtet Matthias Förster. Das geschah in Form von Anzeigen und aufgrund eigener Recherchen des Antiquars. „Mit hoher Sachkenntnis schied er Wertvolles von weniger Wertvollem und kaufte es im Auftrag der Sammlerin an“, so der Pressesprecher. In Gelenau befindet sich die vierte Schatzkiste: das Depot Ströher. Seit 2009 beherbergt das 1923 erbaute, historische Industriegebäude nach Angaben der Betreiber unter anderem eine umfangreiche Sammlung von einmaligen, teilweise spektakulären mechanischen Heimat- und Weihnachtsbergen, eine 1400 Objekte umfassende Schmuckund Künstlereiersammlung, die wahrscheinlich größte private Pyramiden- und Deckenspinnensammlung mit knapp 200 Exemplaren, eine historische Puppenklinik mit Puppen- und Bärensammlung und acht große Szenen mit Darstellungen von historischen Berufen der Spielzeugherstellung. Ausstellung kooperieren Sowohl Anna Dziwetzki als auch Matthias Förster betonen, dass die Zusammenarbeit zwischen allen vier Ausstellungsorten reibungslos funktioniere. So wurde vor drei Jahren zwischen den Einrichtungen eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Dazu sind Vitrinen eingerichtet worden, in denen sich die Partner in Freiberg präsentieren. Außerdem gibt es einen gemeinsamen Flyer, regelmäßig Telefonate, gegenseitigen Informationsaustausch sowie ein Kombiticket für die Besucher. Auch gemeinsame Ausstellungsprojekte wurden bereits mehrfach realisiert, wie zum Beispiel die Sonderausstellung „Von großen Träumen und funkelnden Schätzen – auf den Spuren einer leidenschaftlichen Sammlerin“ im Oktober 2015. Aktuell beteiligt sich das Depot Pohl-Ströher aus Gelenau mit Leihgaben wertvoller Spanschachteln an der neuen Sonderausstellung „Schachteln voller Märchen. Bemalte Spanschachteln von Günter Hofmann“, die seit Ende Oktober in der „Manufaktur der Träume“ zu sehen ist. „Künftig sollen weitere Projekte, der Austausch von Leihgaben sowie wissenschaftliche Unterstützung das Miteinander prägen. Die gemeinsame Vermarktung steht unter der Überschrift ,Eine Sammlerin – vier Schätze‘“, sagt Matthias Förster. Die Netzwerkerin Erika Pohl-Ströher wäre von diesem Netzwerk ganz sicher beeindruckt gewesen. DER AUTOR schreibt für die „Freie Presse“, Chemnitz. Hallenser sorgen für Sicherheit im Netz HALLE — Wenn Sicherheitslücken im Internet die Datenbanken ganzer Unternehmen lahmlegen, sind Gerhard Oppenhorst und sein Team vom Electronic Service Center (ESC) gefragt. Die mittelständische Firma mit 20 Mitarbeitern im Herzen von Halles Innenstadt ist darauf spezialisiert, das Surfen im Internet sicherer zu machen. Auch dort ist die Zusammenarbeit mit anderen Firmen der Region gefragt. Oppenhorst ist Vorstandsmitglied im Cluster Informationstechnologie Mitteldeutschland und leitet dort den Arbeitskreis IT- Gerhard Oppenhorst Vorstand im Cluster Informationstechnologie Mitteldeutschland FOTO: PRIVAT Sicherheit. 51 Mitglieder gehören derzeit zum Netzwerk, dazu zählen Unternehmen mit einer Mitarbeiterzahl von 4 bis 1.000 Mitarbeiter. Netzwerken bedeutet für Gerhard Oppenhorst vor allem, Größeres zu erreichen. Sowohl im Netzwerk IT- Sicherheit als auch im Ausschuss für Informations- und Kommunikationstechnologie der Industrie- und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau arbeitet er „nah an der Politik“: Auf den Netzwerktreffen werden auch Bundesminister eingeladen, die sich der Vorschläge der Netzwerker annehmen. Diana Serbe Training für den Ernstfall unter der Erde Zehn Milliarden Euro hat die neue Bahnstrecke von München nach Berlin gekostet. Im Thüringer Wald verläuft sie 330 Meter unter der Erde. Im Katastrophenfall sind die Tunnel eine Herausforderung. VON OLAF AMM SONNEBERG/BERLIN — Das größte Bahnbauprojekt Deutschlands steht vor dem Abschluss. Am 10. Dezember wird die Schnellstrecke von München nach Berlin in den Fahrplanbetrieb gehen. Unter Thüringer Wald und Schiefergebirge ist dabei mit dem Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8 die schnellste U-Bahn der Republik entstanden. Mit 300 Kilometern pro Stunde jagen die ICE 3 durch 22 Tunnel. 41 Kilometer sind sie insgesamt lang, zwei Fünftel der Teilstrecke von Nürnberg nach Erfurt verlaufen unter Tage. Im Gebirge bleibt die Trasse fast komplett im Dunkeln. Bis zu 330 Meter Fels türmen sich dort über der Röhre auf. Die Thüringer-Wald-Querung ist so lang wie die Berliner Linie U7. Die U-Bahn in der Hauptstadt hält mit 32 Kilometern den Rekord für die längste komplett im Tunnel verlaufende Schienenstrecke Deutschlands. 57 Minuten sind die Berliner von Endstation zu Endstation unterwegs – die ICEs brauchen für die gleiche Strecke knapp sechs Minuten. Die Trasse beeinflusst ein riesiges Netzwerk. „Von der größten Angebotsverbesserung in der DB-Geschichte profitieren rund 17 Millionen Menschen entlang der Strecke“, sagt Berthold Huber, Bahnvorstand für den Personen- und Güterverkehr. Die Menschen im Thüringer Wald, wo ein Großteil der Baukosten von insgesamt zehn Milliarden Euro in die Tunnel und weitere 29 Brücken flossen, haben allerdings nur wenig von der neuen Strecke. Im Gegensatz zur U7 mit ihren 40 Stationen stoppt der ICE im Thüringer Wald kein einziges Mal. Das liegt am System: Der ICE ist auch deshalb so flott, weil er selten hält. Bahnknotenpunkt wird die Landeshauptstadt Erfurt. Was bleibt, ist die Verantwortung, falls es einmal zu einer Katastrophe kommen sollte. Nicht die Bahn ist zuständig für diese Aufgabe, sondern die Kommune, auf deren Gebiet der Tunnel liegt. Erstmals in der Bahnbaugeschichte haben sich Städte, Gemeinden, Landkreise und zwei Bundesländer zusammengeschlossen, um diese Aufgabe bestmöglich zu bewältigen. Im Notfall können 800 Feuerwehrleute aus der Region für einen Tunneleinsatz mobilisiert werden. „Wir organisieren nicht nach Landkreisen oder Bundesländern, sondern für die Strecke als solche“, betont Marc Stielow vom Thüringer Innenministerium. Entsprechend seien die Tunnelbasiseinheiten aufgestellt und dann könne eine solche aus Erfurt, aus Sonneberg oder aus Lichtenfels an jeder Stelle eingesetzt werden. Der Name „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit gewinne da eine ganz andere Bedeutung“, meint Coburgs Kreisbrandinspektor Stefan Zapf. Bis auf wenige Berufsfeuerwehren kommen mehrheitlich ehrenamtliche Feuerwehrleute und Helfer zum Einsatz. „Für das Ehrenamt ist das sehr anspruchsvoll“, sagt der Suhler Oberbürgermeister Jens Triebel, der zugleich Vorsitzender des Rettungsdienstzweckverbandes Südthüringen ist. Seine Sorge gilt nicht nur technisch bedingten Unglücksfällen. Terroranschläge in Zügen und auf Bahnanlagen sind mittlerweile vertraut. 2004 starben in Madrid 191 Menschen bei Bombenexplosionen in Zügen, 2051 wurden verletzt. Im September 2017 explodierte ein Sprengsatz in der Londoner U-Bahn. 2005 kam es in der britischen Hauptstadt zum größten Terroranschlag in der Landesgeschichte, wieder mit Bombenanschlägen in drei U-Bahn- Zügen. 56 Tote und 700 Verletzte waren zu beklagen. Ein voll besetzter ICE fasst 900 Menschen. Bei einer Rettungsübung probte ein Löschtrupp der Feuerwehr Oberlind im Juli mit Wärmebildkameras im verqualmten ICE-Tunnel Bleßberg für den Ernstfall. FOTO: STEFAN THOMAS/CAMERA900.DE Die Rettungskräfte bereiten sich auf alle möglichen Szenarien vor. „Brand im Bistro bei Mausendorf“, hieß es beispielsweise im Juli 2017. Das Szenario sah vor, dass ein ICE im Tunnel Bleßberg havariert. Eine Crew von Rettungskräften wurde zuvor in der in Sachen Tunnelrettung international führenden Feuerwehrschule in der Schweiz geschult. Dort werden alle Schadensereignisse in Tunneln dieser Welt ausgewertet und Schlussfolgerungen daraus gezogen, um die Chancen der Opfer zu verbessern. Für den Notfall sind in der Tunnelröhre mit den beiden Gleisen alle 1000 Meter ein Rettungsstollen oder Fluchttreppenhäuser angelegt. Es gibt Schleusen mit zwölf Metern Länge an den Notausgängen mit druckdichter Pendeltür und Panikverschluss. Ein seitlicher Rettungsweg ist 1,20 Meter breit. Über jedes Tunnelportal gibt es eine Rettungszufahrt. Der Rettungsplatz je Portal ist 1500 Quadratmeter groß. DER AUTOR schreibt für das „Freie Wort“, Suhl.

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