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Wirtschaft.netzwerk | 11/2017

C6 Freie Presse

C6 Freie Presse WIRTSCHAFT NETZWERK Dienstag, 21. November 2017 NETZWERKER Zwei Cottbuser verändern Einkauf COTTBUS — Mal eben am Schaufenster berührungslos die E-Mail-Adresse hinterlassen, damit der Makler sich zurückmeldet. Die Brille virtuell anprobieren, weil das Optikergeschäft schon geschlossen hat. Die Zeitung lesen, ohne dabei umblättern zu müssen – mit einer Geste wie dem „Wischen“ über das Display des Smartphones. Das und vieles mehr machen die beiden Cottbuser Georgi Klingberg (44) und Mathias Jatzlauk (47) möglich. Mit ihrem Unternehmen Xaa Systems haben sie die Entwicklung virtueller Schaufenster mit angestoßen und schließlich mit einem Team aus vertraglich gebundenen IT-Spezialisten marktfähig gemacht. „Wir haben die erste gestengesteuerte Softwarelösung, die praxistauglich ist“, freuen sich Georgi Klingberg und Mathias Jatzlauk. Drei Patente hat ihr Unternehmen darauf. Makler, Banken, Verlage, Verkehrsbetriebe und Kliniken setzen das System ein. Beate Möschl Mathias Jatzlauk (l.) und Georgi Klingberg vor einem berührungsgesteuerten Display aus eigener Entwicklung, dem Vorgänger des virtuellen Schaufensters. FOTO: BEATE MÖSCHL Familienerbstück mit besonderer Klasse Der 32-jährige Christopher Perschk ist einer der jüngsten Geschäftsführer eines familiengeführten mittelständischen Unternehmens in Brandenburg. Dabei wollte er die väterliche Firma nie übernehmen. VON BEATE MÖSCHL Ein Standbein der EMIS-Gruppe sind Automatisierungslösungen für die Industrie und für Fahrgeschäfte, zum Beispiel Achterbahnen. Das Foto zeigt den „Blue Fire“ im Europapark Rust. FOTO: MACK RIDES GMBH & CO. KG WALDKIRCH/MARKETING WWW.MACK-RIDES.COM ANZEIGE LÜBBENAU — Seit knapp zwei Jahren steht Christopher Perschk an der Spitze der EMIS-Gruppe – mit Respekt und Stolz auf die erfahrene, leistungsstarke Mannschaft und klaren Vorstellungen, was dem weltweit tätigen Dienstleister im Bereich Elektro- und Automatisierungstechnik und den 470 Mitarbeitern die Zukunft sichert. Dabei hat er als Teenager gern dagegen rebelliert, einst diese Verantwortung zu tragen. „,Ich mache alles, nur nicht die Firma übernehmen‘, habe ich oft gesagt“, erzählt Christopher Perschk und muss schmunzeln. Zum Glück habe ihn sein Vater Eberhard Perschk nie gedrängt. „Da war er immer offen und hat das respektiert. Ich denke, das war ganz wichtig. Denn es gehört mehr dazu, als nur Sohn zu sein“, sagt er. Erst mit dem Abitur habe er sich Gedanken gemacht – und sich für ein Studium entschieden. Wirtschaftsingenieurwesen, Spezialisierung Elektrotechnik. „Das ist eine super Grundlage, um hier einsteigen zu können“, habe er sich damals gesagt und gedacht: „Zur größten Not kannst du auch was anderes draus machen.“ Hat er aber nicht. Trotz des Lehrgeldes, das auch der Sohn eines Firmenchefs zahlt, wenn er die ersten Schritte ins praktische Berufsleben geht. Für Christopher Perschk war es der Neubau eines Steinkohlekraftwerkes in Holland. „Ich war als Projektleiter für die Montage der Leittechnik verantwortlich. Es war das bis dato größte Projekt in der Unternehmensgeschichte mit einem Auftragsvolumen von circa 14 Millionen Euro. Leider nicht das erfolgreichste. Aus unterschiedlichen Gründen“, bekennt er und sagt: „Das war sehr kaltes Wasser, sehr kalt. Die drei Jahre waren eine sehr, sehr harte, aber unglaublich prägende Zeit.“ Dennoch: Besser hätte es mit dem Sammeln von Erfahrung kaum kommen können. Denn wenig später sollte er schon Verantwortung fürs Ganze tragen, als der Vater überraschend erkrankte. Die Aufgabe anzunehmen, sei „absolut richtig“ gewesen, sagt Christopher Perschk. Und jeder, der mit ihm über EMIS spricht, merkt schnell: Der Lübbenauer brennt für seine Ziele und das Unternehmen. Das sieht er wie eine Familie und führt es auch so – jeden nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten wachsen lassend mit den Aufgaben. Die Entscheidungen, die er dafür trifft, sind keine einsamen Entschlüsse, sondern gut im Team vorbereitet. „Grundvoraussetzung ist, dass man die nötigen Informationen hat und deshalb mit seinen Mitarbeitern spricht, sich anhört, was es für Probleme und Themen gibt. Und dann schaut, was man mit den Informationen macht und welche Maßnahmen man ergreift.“ 95 Prozent seiner Tätigkeit sind „Termine, Termine, Termine“. Mit Mitarbeitern, Kunden, Banken und Partnern oder mit Organisationen wie zum Beispiel der Wirtschaftsinitiative Lausitz. Das ist Netzwerken pur. Dafür springt der Lübbenauer regelmäßig über seinen Schatten. „Das ist ein Entwicklungsschritt, den man mit den Jahren macht und der anfängt Spaß zu machen je mehr man an Sicherheit und Erfahrung gewinnt und sich das Netzwerk erweitert.“ So setzt sich Christopher Perschk auch als Mitglied der Vollversammlung und des Präsidiums der IHK Cottbus für den Mittelstand und die Lausitz ein. Den Wandel in der Energiebranche – die EMIS-Gruppe ist mit Christopher Perschk Geschäftsführer der EMIS-Gruppe, Lübbenau FOTO: EMIS ELECTRICS GMBH Dienstleistungen in der konventionellen Energieerzeugung groß geworden – sieht er als Vertreter der nachwachsenden Generation eher als Impuls, aus dem sich neue Motivation und neue Geschäftsideen ziehen lassen, „mit denen wir uns abheben vom Wettbewerb, dem Kunden Mehrwert bieten können und mit der Zeit gehen“. Christopher Perschk denkt insbesondere an die Chancen, die sich im Zuge des Megatrends Industrie 4.0 und Digitalisierung ergeben werden. Deshalb ist es aus seiner Sicht umso wichtiger, eine unternehmensinterne IT-Strategie zu entwickeln, die sich an die Geschäftsstrategie anlehnt, und nicht umgekehrt. Dafür legt er gern mal Netze aus, Fischernetze, um den Kopf frei zu bekommen. In den Lagunen des Spreewaldes. Hier tankt der Vater zweier Söhne, drei Jahre und fünf Monate alt, gern auf. Beim Einholen der Netze bei Sonnenaufgang, die Ruhe und das Erwachen der Natur genießend. DIE AUTORIN schreibt für die „Lausitzer Rundschau“, Cottbus. Biologin rettet Wildblumen 3869376-10-1 Als Sammlerin von Wildblumensamen hat Biologin Christina Grätz (im Bild bei der Saatgut-Aufzucht auf dem firmeneigenen Feld in Jänschwalde) ihre ersten Schritte in die Selbstständigkeit gemacht. Mit dem Nagolieren entwickelte sie eine neuartige Kulturtechnik, die bedrohte Schätze in Flora und Fauna zu bewahren hilft, darunter den seltenen Acker- Wachtelweizen und die geschützte Karthäusernelke. Und Waldameisen. In diesem Sommer siedelte Christina Grätz vor dem Ausbau der A 10 Millionen Ameisen um; mit fünf Mitarbeiterinnen, bloßen Händen, viel Fingerspitzengefühl, starken Nerven und Zucker. Denn Zucker hilft gegen Stress, auch den fünf unterschiedlichen Waldameisenarten, die die Jänschwalder im Berliner Raum umgesetzt haben. Die Auftragsbücher von Grätz’ Unternehmen „Nagola Re“ sind gut gefüllt und neue Projekte angestoßen, darunter der Ausbau der Saatgut-Produktion aus heimischen Wildpflanzen. (moe) FOTO: BERNHARD SCHULZ

Dienstag, 21. November 2017 WIRTSCHAFT NETZWERK Freie Presse C7 NETZWERKER Kräuter gedeihen im Wildwuchs Kristin Brandt arbeit seit 20 Jahren als „Kräuterfee“ BÖRZOW — Kristin Brandt hat ihn – den sprichwörtlichen grünen Daumen. Dabei legt die studierte Gartenbau-Ingenieurin jedoch keinen Wert auf einen kurz getrimmten Golfrasen, säuberlich geputzte Blumenbeete oder gestutzte Hecken und Bäume. In ihrer grünen Oase ist geordnetes Chaos angesagt. Steh auf im Büro! Die Reiss Büromöbel GmbH aus dem Kurort Bad Liebenwerda ist eine Firma, die seit 135 Jahren Geschichte bewahrt und dabei immer an die Zukunft denkt. Vom einstigen Zeichengerätehersteller hat sich das Unternehmen zum Entwickler und Hersteller modernster Büromöbelsysteme gemausert. Kristin Brandt Gartenbau-Ingenieurin FOTO: GRIT BÜTTNER Der Wildwuchs in der Bio-Gärtnerei „brandtgrün“ im alten Pfarrhof Börzow bei Grevesmühlen (Nordwestmecklenburg) hat Sinn: Kräuter, Gräser und Blumen sollen üppig wuchern für eine prächtige Ernte übers ganze Jahr hinweg. Was für andere Gärtner regelrecht ein Graus ist, wird in Börzow zum Genuss: Unkraut. Ackersenf, Brennnessel, Giersch und Gänseblümchen, Kresse und Knöterich, Löwenzahn, Melde, Vogelmiere und Wegerich. Sie alle seien vitaminreiche Gewächse mit vielen Nährstoffen und Spurenelementen, die sich bestens zu Salat und Rohkostgerichten verarbeiten ließen, sagt die Kräuter-Bäuerin. „Wer wilde Pflanzen isst, kann auf künstliche Nahrungsergänzungsmittel getrost verzichten“, ist sie sich sicher. Die „unkultivierten“ Pflanzen, Kräuter sowie alte Gemüsesorten vom Rübenblatt bis zum Mangold, kommen ganz, zerschnippelt oder zerstampft auf den Tisch im Hofcafé: als Tee, Salat, Suppe, Smoothie, Pesto, in Wraps, Süßspeisen oder Kuchen. Der Renner ist eine Rohkosttorte mit gemusten Beeren, Äpfeln, Nüssen und oben auf essbaren Blüten. „Ich spiele mit den vielfältigen Aromen.“ Bei der Verarbeitung der Rohstoffe und der Bewirtung der Gäste in Brandts Hofcafé hilft Hagen Voigt mit. Der Clou auf der Speisekarte des Hofcafés: Saft aus Gras. Kristin Brandt bereitet das Power-Getränk aus frischem Wiesengras oder Roggenstängeln in einem speziellen Entsafter zu, erklärt sie. Das Geheimnis sei das enthaltene Chlorophyll, das Blattgrün. Es mache den Grassaft zu einem echten „Superfood“, das nach wissenschaftlichen Erkenntnissen beim Aufbau neuer Blutzellen helfen sowie die Entgiftung und Wundheilung unterstützen soll. „Das ist das beste Mittel zum Fitwerden“, betont die Biogärtnerin. Und es solle zudem sogar für einen angenehmen Körpergeruch sorgen. Als „Kräuterfee“ arbeitet Kristin Brandt seit mehr als 20 Jahren. 1998 übernahm sie das damals Jahrzehntelang ungenutzte, völlig zugewucherte rund drei Hektar große Pfarrgrundstück in Börzow. Grit Büttner IMPRESSUM Herausgeber: Medien Union GmbH Ludwigshafen Verlag: Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co KG 09111 Chemnitz, Brückenstraße 15 Telefon: 0371 6560 Telefax Redaktion: 0371 656-17084 Telefax Anzeigen: 0371 656-17077 Internet: www.freiepresse.de E-Mail: die.tageszeitung@freiepresse.de Geschäftsführer: Ulrich Lingnau Redaktion: Torsten Kleditzsch (verantwortlich für den redaktionellen Teil), Christoph Ulrich, Christian Wobst Anzeigenleitung: Tobias Schniggenfittig (verantwortlich für den Anzeigenteil) VON FRANK CLAUS BAD LIEBENWERDA — Sage keiner, es habe zu DDR-Zeiten kein Produktmarketing und keine Imagewerbung gegeben. Wer sich den zu dieser Zeit entstandenen Werbefilm des damaligen Reiss-Unternehmens in Bad Liebenwerda (Elbe-Elster-Kreis) ansieht, erfährt, dass die Tupolew Tu-144, das erste Überschallverkehrsflugzeug der Welt, nie geflogen wäre, hätte es die Reiss-Zeichenbretter nicht gegeben, auf denen es konstruiert wurde. Und es ist nicht die einzige Errungenschaft, die in Verbindung mit der Reiss Büromöbel GmbH in der brandenburgischen Kleinstadt steht. 135 Jahre ist die Firma in der Kurstadt, die durch ihre Mooranwendungen seit Jahrzehnten bekannt ist, inzwischen alt. Immer hat sie sich im Laufe der Jahre an ihre Wurzeln erinnert. Doch seit diesem Jahr tut sie dies auf besondere Weise: Eine historische Ausstellung zur Industriegeschichte ist im Obergeschoss des heutigen Reiss-Firmentrakts eröffnet worden. Geistiger Vater ist der ehemalige Reiss-Geschäftsführer Dietmar Menzel. Die Exposition ist eine Fundgrube, reicht von Vermessungsinstrumenten, Lichtpausgeräten, den Darstellungen zur Entwicklung des ersten Steh-Sitz-Schreibtisches bis hin zum Rechenschieber, Rechen- und Zeichenmaschinen. Mehr als 1500 Originalprodukte der Firma sind inventarisiert. Im Jahr 1982, so ist der Ausstellung zu entnehmen, war Reiss einer der größten Zeichengerätehersteller Europas. Bemerkenswert ist eine schlichte Tafel: Auf ihr sind knapp 5000 Namen vermerkt. Allesamt sind es die von Reiss-Mitarbeitern. „Reissianer“, wie sie in der Stadt anerkennend genannt werden, die seit der Gründung im Unternehmen gearbeitet haben oder noch dort beschäftigt sind. Heute freilich hat sich das Portfolio grundlegend gewandelt: Die Reiss Büromöbel GmbH entwickelt und produziert modernste Büromöbelsysteme. Im vergangenen Jahr haben die etwa 160 Mitarbeiter einen Rekordumsatz von fast 40 Millionen Euro hingelegt, das waren sieben Millionen Euro mehr als im Jahr zuvor. Und die positive Entwicklung hält an, die Marke wird erneut geknackt werden, bestätigen die beiden Geschäftsführer Gerd Widule und Hans-Ulrich Weishaupt. Absoluter Umsatzbringer ist der Steh-Sitz-Schreibtisch, eine Erfindung von Reiss, die bis ins Jahr 1910 zurückreicht. Seit 1990 sind vom Unternehmen mehr als 130.000 dieser höhenverstellbaren Tische ausgeliefert worden. Der neue, seit diesem Jahr auf den Markt gekommene Steh-Sitz-Tisch „Avaro“ hat die Fachwelt aufhorchen lassen. Er ist, so Geschäftsführer Gerd Widule, „die dynamische Alternative“ zu den vorhandenen Produkten auf dem Markt. Der Tisch besitzt ein innovatives Bedienfeld für die elektronisch gesteuerte stufenlose Höhenverstellung und verfügt über ein Programm, das den Nutzer per LED-Anzeige daran erinnert, dass er von der Sitz- wieder einmal in die gesunde Stehposition gehen sollte. Doch das sind nicht alle Neuheiten. Auch im Akustik- und Sichtschutz wartet die Reiss Büromöbel GmbH mit pfiffigen Lösungen auf. Dabei liegt das in der Reiss Büromöbel GmbH erzielte Wachstum Die Reiss Büromöbel GmbH aus der brandenburgischen Kleinstadt Bad Liebenwerda wächst mit ihren Produkten wie den Steh-Sitz-Schreibtischen deutlich schneller als der Branchendurchschnitt. FOTO: ANDRE FORNER über dem in der Branche. Der Industrieverband Büro und Arbeitswelt vermeldete für 2016 einen Zuwachs allein im Inland von fünf Prozent. „Wir haben im ersten Halbjahr dieses Jahres Zuwachsraten im zwei-- stelligen Bereich“, sagt Geschäftsführer Gerd Widule. Mehrere Großaufträge mit je deutlich mehr als einer Millionen Euro Umsatz haben dazu geführt. Geliefert wurden und werden Büromöbelsysteme sowohl für die öffentliche Hand als auch für die Industrie, unter anderem für eine High School der US-Army in Wiesbaden und eine Universität in Braunschweig. In diesen Tagen sorgt das Unternehmen wieder für Furore: Die neue Ausstattungslinie SmartClean mit antibakteriell wirksamen Oberflächen ist speziell für Pflege- und Gesundheitseinrichtungen, öffentliche Einrichtungen mit hohem Besucherverkehr, wissenschaftliche Einrichtungen und Labore entwickelt worden. Diese Entwicklung vollzieht sich innerbetrieblich mit einer Neuorganisation, die keinen Bereich auslässt. Die Einführung eines neuen ERP-Systems, also die Vernetzung von Mensch, Maschine und Software, ist auf der Zielgeraden. „Dabei werden alle relevanten Unternehmensprozesse optimiert“, so Hans- Ulrich Weishaupt. Damit einher gehen auch die beabsichtigten Investitionsabsichten. Denn das Unternehmen, das bis spätestens 2022 am neuen Standort im Gewerbegebiet Lausitz in einer ersten Stufe zwischen sechs und acht Millionen Euro für eine neue Fertigungsstätte investieren will, platzt aus allen Nähten. DER AUTOR schreibt für die „Lausitzer Rundschau“, Cottbus. ANZEIGE 3870847-10-1