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mach was! - September 2021

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Freut euch über jedes

Freut euch über jedes Tal, was da kommt! Schauspielerin Teresa Weißbach im „mach was!“-Interview über ihre Karriere, das Erzgebirge und den Vorteil von Fernsehproduktionen Im Erzgebirge bei ihrer Familie wohnt Teresa Weißbach nicht, wenn sie rund um Chemnitz mit ihrem Filmteam den neuen ZDF-Erzgebirgskrimi dreht. Darin spielt sie eine Försterin mit Detektivsinn – doch auch sonst ist sie der Region verbunden, sogar als offizielle Botschafterin des Erzgebirgslandkreises. Um in diese Position zu gelangen, musste die Schauspielerin einen weiten Weg gehen. Sarah Hofmann sprach für „mach was! für deine Zukunft“ mit Teresa Weißbach über die Frage, wie sie zu dem wurde, was sie heute ist – und was sie jungen Menschen rät. ? Frau Weißbach, wenn Sie rings um Chemnitz drehen, kommen sie im Hotel und nicht bei der Familie im Erzgebirge unter. Warum? Ich habe drei kleine Kinder, deshalb genieße ich es sehr, mal ein paar Momente allein für mich zu haben und mich auf den jeweils nächsten Drehtag vorzubereiten. Ich gleiche es aber aus, indem ich an den Wochenenden gemeinsam mit meinen Kindern viel Zeit im Erzgebirge bei meinen Eltern verbringe. ? Wenn Sie auch abends im Hotel noch an Ihrer Rolle arbeiten, haben Sie denn dann überhaupt Freizeit? Ich liebe meinen Beruf und daher sehe ich es auch nicht als Arbeit im klassischen Sinne. Da verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Ich finde es außerdem auch ziemlich schade, wenn Menschen nur arbeiten, um sich ihre Freizeit zu finanzieren. ? Aber ist das nicht der Sinn von Arbeit? Wenn man einen eigenen Betrieb hat, so wie meine Eltern damals, dann ist da nicht so viel mit Freizeit. Man brennt für seine Arbeit, man hat ja ein Ziel, eine Passion – und da steht der Freizeitgedanke einfach nicht an erster Stelle. Das habe ich von Kindheit an so vorgelebt bekommen. ? Ihre Eltern hatten eine Bäckerei im Erzgebirge, richtig? Ja und ich habe gesehen, dass meine Eltern an ihrem Beruf große Freude hatten. Dass sie davon erfüllt sind. Und natürlich gibt es da auch anstrengende und kräftezehrende Phasen, aber das gehört dazu, um sich zu entwickeln und gestärkt aus der Situation hervorgehen zu können. ? Und dennoch wollten Sie ihnen nicht ins Handwerk folgen? Ich habe schon früh gespürt, was ich gerne werden wollte. Und meine Eltern haben mich dabei immer unterstützt. Ich habe gottseidank den furchtbaren Satz „Lern doch mal was Richtiges“ nie hören müssen. Darüber bin ich sehr froh. ? Haben Bäcker*innen nicht ganz und gar theaterunfreundliche Arbeitszeiten? Das mag sein. Aber sie waren bei jeder Premiere im Kinder- und Jugendtheater dabei, und als ich dann Schauspiel in Rostock studiert habe, sind sie auch zu den Szenenvorspielen gekommen. Sie haben es immer möglich gemacht. Später sind sie auch zu den Kinopremieren gekommen. Vor allem aber haben sie mich in einem ganz gesunden Maß in Ruhe gelassen. ? Was meinen Sie damit? Sie haben mir in meine Sachen nicht reingeredet, haben mich meine Erfahrungen machen lassen. Da gab es auch Momente, in denen ich unglücklich und unzufrieden war, da musste ich dann aber eben auch durch – das gehört dazu und das können Eltern nicht abnehmen, nur begleiten. Und das haben sie auch gemacht. ? Wo haben Sie Ihre ersten Schritte als Schauspielerin gemacht? Mit neun Jahren bin ich zum Stollberger Kindertheater Burattino gekommen. Meine Grundschullehrerin hat meine Eltern auf das Theater hingewiesen, es suchte damals neue Mitglieder. Meine erste Rolle war die des traurigen Pierrot in „Die Abenteuer des Burattino“, aber schon die zweite Rolle war gleich eine Hauptrolle, nämlich das Dornröschen im gleichnamigen Märchen. ? Wie lange sind Sie dann in der Theatergruppe geblieben? Bis ich 18 Jahre alt war und zum Studium ging. ? Wann wurde Ihnen denn klar, dass die Schauspielerei mehr als ein Hobby ist? Eine meiner Vorstellungen im Burattino wurde von Hans-Hermann Krug besucht, dem damaligen Intendanten des Eduard-von-Winterstein Theaters in Annaberg. Er kam hinter die Bühne, gratulierte zur Vorstellung und bot mir seine Hilfe an, wenn ich sie mal brauche. Und die Gelegenheit habe ich beim Schopfe gepackt. Ich kontaktierte ihn und sagte, ich wolle bei einer Schauspielschule vorsprechen. Und dabei half er. ? Wie das? Er machte mich mit seinem Oberspielleiter Robert Stolz bekannt, der später mit mir probte. Ich habe diverse Rollen ausgearbeitet, sie vielen Menschen vorgespielt und mit ihm daran gearbeitet. Dann ging es zum Vorsprechen nach Rostock. ? Wie ist Ihre Wahl gerade auf Rostock gefallen? Ich hatte Hochschulen in ganz Deutschland angeschrieben mit der Bitte um Informationen zur Bewerbung. Das hatte die Hochschule für Musik und Theater in Rostock aber wohl falsch verstanden und schickte mir eine Einladung zum Vorsprechen. Die ich natürlich annahm. Dort habe ich gleich die erste Runde bestanden und bin gleich in die zweite Runde gekommen. Dort wurde mir gesagt, ich hätte Talent und komme deshalb in die zweite Runde, danach aber auf keinen Fall in die Endrunde. ? Warum? Weil ich damals 16 Jahre alt war und damit einfach zu jung – und für ein Hochschulstudium braucht es ein Abitur. ? Und wie ging es weiter? Ich bin trotzdem zum zweiten Vorsprechen gefahren und der da- 34

mach was ! TITELINTERVIEW ? „Sonnenallee“ ist ein absoluter Kultfilm, den viele kennen und mögen. Ist es nicht wahnsinnig schwer, mit einem solchen Film in die Karriere zu starten? Ich habe es eher als riesige Chance gesehen. Wenn man versucht, sowas zu toppen, ist der Druck groß – aber so bin ich an die Sache nicht herangegangen. Ich habe nach diemalige Leiter des Instituts teilte mir freudig mit, dass ich in die Endrunde komme. Ich sagte ihm dann, dass ich erst 16 Jahre bin und noch zur Schule gehe. Das hatte er ganz übersehen, also wurde ich dann doch wieder nach Hause geschickt, um mein Abitur zu machen, mir wurde aber zugesichert, danach gleich zur zweiten Runde antreten zu können. Und dann kam ja noch der Film „Sonnenallee“ dazwischen. ? Zeitgleich? Ja, das waren wilde Zeiten. Diese Aussicht, bald erneut zum Vorsprechen zu kommen, mein Abitur zu schreiben und „Sonnenallee“ zu drehen, war sehr herausfordernd. ? Sie haben „Sonnenallee“ noch vor dem Studium gedreht? Ja, während ich in der zwölften Klasse war und das Abitur abgelegt habe. chen aus dem Erzgebirge kennengelernt und die solltest du dir mal anschauen“. So wurde ich entdeckt. ? Wow. Und wie ging es weiter? Ich bin danach mehrfach zu Konstellationscastings für „Sonnenallee“ nach Berlin gefahren. Die männliche Hauptrolle war ja auch noch nicht gefunden. Am Ende sind es Alexander Scheer und ich geworden. Rückblickend war das eine aufregend schöne Zeit. Ich bin mit dem Zug nach Berlin eingefahren. Habe die Fenster geöffnet und gefühlt: das ist die Großstadt. Es war ein großes Abenteuer. Seit 2007 lebe ich auch in Berlin, aber damals habe ich dort nur gedreht und bin häufig nach Hause gefahren. ? Abizeit und Filmdreh – klingt nach einer sehr herausfordernden Zeit. Wie haben Sie diese erlebt und auch überstanden? Ich war wahnsinnig neugierig und bin sehr offen durch die Welt gegangen. Gleichzeitig hat es mir sehr geholfen, dass ich aus einer so geerdeten Bäckerfamilie kam. ? Wie das? Man musste sich um mich in Berlin keine Sorgen machen, dass ich irgendwie abstürze. Dafür war ich viel zu bedacht. ? Wie sind Sie denn einfach so in einen Leander Haußmann-Film geraten? Ich habe mit 16 meinen ersten Film gemacht mit der Chemnitzer Filmwerkstatt. Er hieß „Splitterwelten“ und Klaus-Gregor Eichhorn hat Regie geführt. Den Film hat ein anderer Jungregisseur gesehen, der einen Film mit Matthias Schweighöfer machen wollte, der war ja damals auch in Chemnitz. Er sah mich und wollte mich zum Casting einladen. Er konsultierte eine befreundete Casterin. Und sie suchte eben zu dieser Zeit Schauspielerinnen für Leander Haußmanns „Sonnenallee“. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon hunderte junge Mädchen gecastet und fuhr nach unserem Wochenende nach Berlin zurück und sagte: „Ich habe ein junges Mädsem Film drei Jahre lang gar nicht gedreht, weil ich auf der Schauspielschule war. Und deshalb habe ich danach im Filmgeschäft irgendwie wieder von vorne anfangen müssen. ? Wie war das? Danach ging das Sammeln von Erfahrungen erst richtig los. Ich bin an Sets gekommen, wo man nicht so toll mit mir umgegangen ist wie mein Regisseur Leander Haußmann. Der hat mich ja an die Hand genommen und als großer Mentor geführt, beschützt und geleitet – und ich dachte danach: so ist die Beziehung immer zwischen Schauspielern und Regisseuren. ? Ist sie nicht? Ich musste bitter erfahren, so läuft es eher weniger. Ich habe mich gefühlt, als würde ich in kaltes Wasser geschubst werden. Aber das hat mich auch stärker gemacht, denn ich musste danach wirklich alleine schwimmen und habe gemerkt: Ich kann das. ? Danach ging es ja bei Ihnen mit Fernsehproduktionen, aber auch wichtigen Theaterrollen ziemlich kontinuierlich weiter… Ja, es ging für mich gut weiter. Ich konnte mit vielen großen Regisseurinnen und Regisseuren arbeiten und konnte Erfahrungen auf verschiedenen Ebenen machen. ? Kino oder Theater – was würden sie wählen? Ich wollte immer beides. Ich wollte vor der Kamera stehen, da mir die Arbeit am Set immer großen Spaß macht, würde aber nie auf die Bühne verzichten wollen. ? Was ist denn der Unterschied? Da gibt es so einige Unterschiede, aber zum Beispiel wird im Film nicht chronologisch gearbeitet. Man springt in die Szenen rein und muss immer schauen: Wo bin ich gerade in der Geschichte und mit meinen Gefühlen? Im Theater hingegen durchlebt man das ganze Stück vom Anfang bis zum Ende. Um bildlich zu sprechen, man steigt quasi in den Zug ein, der Zug fährt ab und dann gibt es kein Aufhalten mehr. Man muss immer wachsam im Moment sein und aus allem etwas machen. Fortsetzung auf Seite 36 Foto: Georg Ulrich Dostmann 35 Teresa Weißbach mit ihren Kolleg*innen Kai Scheve und Lara Mandoki beim Drehstart einer neuen Folge der Erzgebirgskrimis. Fotos: Uwe Frauendorf / ZDF